Der Geist weht, wo er will

Georg Sporschill SJ

Welches Wort habe ich so weitergegeben, dass es andere annehmen konnten? Eine Pfingstfrage in der Erziehung.

Denn die Worte, die du mir gegeben hast, gab ich ihnen und sie haben sie angenommen.
Joh 17,8a

Zwei starke Burschen zerrten Ioane hinauf zum Badehaus. Dort waren eine Wanne mit warmem Wasser, Seife und ein Handtuch vorbereitet, um ihn zu waschen. Ioane war einer der ersten Kandidaten, die wir für unser Badeprogramm in Ziegental ausgewählt hatten, nicht zufällig, denn er strotzte vor Dreck. Die anderen Bewohner der Roma-Siedlung behaupteten sogar, er habe sich noch nie im Leben gewaschen. Nur wenn er im Regen stand, kam Wasser an seine Haut. Ioane wehrte sich aus Leibeskräften, die Burschen zogen ihn am Schluss an den Armen, die Füße schleiften am Boden und nahmen so noch den Schlamm vom Weg auf. Nach der Waschtortur, bei der auch Tränen flossen, kam Ioane frisch rasiert, mit geschnittenen Haaren und gut duftend, in sauberer Kleidung heraus. Das erste Mal hatte er sich in einem Spiegel gesehen, und er gefiel sich. Wie ein König schwankte er durch die Siedlung. Nach wenigen Tagen war die Pracht dahin. Es war ebenso schwer, ihn wieder ins Bad zu bringen. Nur von Iulian ließ er sich überreden. Wir bemühten uns täglich, ihm beizubringen, dass er sich die Nase nicht mit dem Jackenärmel putzen, nicht mit Fingern in die Schüssel greifen, die Schuhe im Haus ausziehen solle. Wenn wir ihn nicht daran erinnerten, vergaß er unseren Wunsch.
Am Ostersonntag kam er zum Morgengebet ins Haus, wie immer, und schon länger nicht gebadet. Da fing ihn Andrea im Hauseingang ab. Ausgerechnet Andrea, unser wildestes Mädchen, die in zerrissenen schmutzigen Hosen und mit Rotznase nicht gerade ein Vorbild ist. Sie schimpfte ihn: „Heute ist ein Festtag, so kannst du nicht ins Haus kommen!“ Dann schob sie ihn ins Bad. Dort nahm sie – viel zu viel – Haarshampoo und wusch ihm das Gesicht. Schaumblasen schwebten davon, als sie ihn schrubbte. Er genoss die Behandlung und lachte vergnügt, wenn auch hustend, denn die Seife drang in Nase und Mund. Mit roten Augen und strahlend vor Glück kam Ioane ins Haus. Hinter ihm schlüpfte Andrea herein und betrachtete ihre Hände. So sauber waren sie noch nie gewesen.

Meine Osterfreude war, dass Andrea zum ersten Mal nicht gegen die Sauberkeit, sondern für die Sauberkeit gekämpft hatte. Bisher hatten alle Erziehungsversuche nicht geholfen. Ich konnte nachempfinden, was Jesus in jenem Augenblick gefühlt hatte, als erstmals Heiden sein Wort von Gott angenommen hatte. Wie lange hatte er ihnen die Tora erklärt und vorgekaut, bis sie sie aufnehmen konnten! Daraus ist eine Gemeinschaft mit einem neuen Buch entstanden, dem Neuen Testament. Jesus hat für uns die Bibel übersetzt. Er hat aus dem anspruchsvollen Bund des Judentums mit 613 Geboten und vielen Regeln eine Art „Judentum light“ für die Heiden gegründet, wie es ein jüdischer Religionsphilosoph formuliert hat.

Zu Pfingsten sollte Jesus Recht bekommen. „Der Geist weht, wo er will.“ Andrea, von der wir es am wenigsten erwartet hatten, verhalf der Sauberkeit zum Durchbruch. Wann ist es mir gelungen, ein Wort so zu sagen, dass es andere annehmen konnten?