Der Einsatz für andere ist gefährlich

Ruth Zenkert

Wo wurde ich aus meiner Welt herausgerissen und in eine andere Welt hineingezogen?

Von Kajaphas brachten sie Jesus zum Prätorium; es war früh am Morgen.

Joh 18,28a

In Anzug und weißem Hemd erschien der junge Lehrer zum Vorstellungsgespräch. Die Krawatte hatte ihm wohl ein anderer umgebunden, er fühlte sich sichtlich unwohl in der Verkleidung. Wir suchten einen guten Pädagogen für unser Kinderhaus, er wiederum wollte eine neue Herausforderung. Das konnten wir ihm bieten und so arbeitete er schon am nächsten Tag als Erzieher. Schnell hatte er die Herzen unserer Kinder gewonnen und bald stellte es sich heraus, dass er sich besonders liebevoll um die Schwierigen bemühte. Als wir Jahre später ein Sozialzentrum für die Jugendlichen von der Straße eröffneten, fragte ich Costin, den Lehrer, der – nun in Jeans und Kapuzenpulli – wie ein Vater immer für „seine Kinder“ da war, ob er nicht helfen könne im neuen Haus. Costin war schwer von seinen Schützlingen wegzubringen, aber ihn reizte die Aufgabe, sich um die zu kümmern, die es in kein Kinderhaus geschafft hatten. Im Sozialzentrum sahen wir ihn allerdings selten, denn er war immer auf der Straße, bei den Drogensüchtigen, im Kanal. Er nahm ihren Geruch an, er stieg immer tiefer zu ihnen. Da viele Schützlinge im Gefängnis landeten, begann er dort mit einem Besuchsprogramm. Nach kurzer Zeit bekam er die Schlüssel der Wächter und ging auch dort ein und aus, betreute die Verlorenen. Dann aber bekam er Probleme mit seiner jungen Frau, die er eben erst geheiratet hatte. Sie wünschte sich einen erfolgreichen Mann – und Costin brachte Läuse und Flöhe mit nachhause.

Costin war „einer von der Straße“ geworden. Seine Frau und die ehemaligen Kollegen konnten nichts mehr mit ihm anfangen. Er war in eine andere Welt hineingezogen worden. Ein harter Übergang, wie bei Jesus in der dramatischen Nacht, die mit dem Sedermahl, dem jüdischen Abendmahl zu Ostern, begonnen hatte und nun im heidnischen Palast des Pilatus zu Ende ging. Jesus hatte in seiner ganzen Tätigkeit auf die heidnische Welt hingearbeitet. Die Menschen, die im Dunkeln lebten, lagen ihm am Herzen. Ihnen wollte er Licht aus dem Judentum bringen, Führung und Schutz durch den Einen Gott. Nun war er selbst dieser Welt ausgeliefert. Im Prätorium, dem unteren Herodespalast, stand er zur ersten Stunde des Gerichts allein vor Pilatus, dem römischen Statthalter. Ausgeliefert von den religiösen Autoritäten und in jene Welt geworfen, der sein Herz gehörte. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Es folgten die Verurteilung und der Weg ans heidnische Kreuz.

Hier interpretiert das Johannesevangelium das Sedermahl, bei dem an die Befreiung aus der Sklaverei erinnert wird, als Abendmahl, bei dem Jesus sich selbst für die Befreiung der Menschen, die im Dunkeln gefangen sind, hingibt. Für Jesus ist es der Übergang vom Judentum ins Heidentum. Neben der Synagoge wird durch seine Hingabe die Kirche für die Menschen aus den Völkern entstehen.

Der brave Sozialarbeiter Costin war auf die Straße geraten, wurde gleichsam von der „schlechten Gesellschaft“ verschluckt, wie Jesus von der Heidenwelt.

Wir leben in verschiedenen Welten, in der des Geschäfts, der Schule, der Obdachlosen, der Flüchtlinge, der Familie. Wo erkenne ich in meinem Leben Übergänge, die für andere zum Heil wurden?