Der dritte Mann

Ruth Zenkert

Wie viele Versuche muss ich unternehmen, bis mir etwas gelingt? Wie viele Setzlinge braucht es, bis ein Unternehmen wächst?

Adam war hundertdreißig Jahre alt, da zeugte er einen Sohn, der ihm ähnlich war, wie sein Bild, und gab ihm den Namen Set.
Gen 5,3

Ein beißender Geruch und Rascheln in allen Ecken waren eindeutige Anzeichen: zu viele Mäuse im Kornlager. Der junge Mann zuckte die Schultern; da könne man nichts dagegen tun. Dann wurde der Traktor kaputt, nicht richtig gewartet. Beim Werkzeug herrschte keine Ordnung. Die Planung für die Feldbestellung passte nicht mit dem Bedarf zusammen, zu viel Mais, zu wenig Heu. Die Hühner wurden krank und mussten schnell geschlachtet werden. Wildschweine hatten in den Nächten die gesamte Kartoffelernte zerstört. Es war zu viel, was danebenging. Dabei hatte er beim Bewerbungsgespräch selbstsicher erklärt, dass er den Lehrbauernhof locker leiten könne. Das Schwierigste war, dass kein einziger Lehrling bei ihm bleiben wollte. Wir trennten uns. Der nächste Kandidat zeichnete sich durch Einsatzbereitschaft aus. Aber er war keine Führungskraft. Er führte Anordnungen aus, allerdings auch die der ihm zugeteilten Schüler. In seiner Überforderung suchte er Trost im Alkohol. Einmal war er mit seinem Auto betrunken im Straßengraben gelandet und erst am nächsten Morgen aus dem Wrack herausgekrochen. Das ganze Dorf wusste es. Auch er ging.
Mussten wir das Projekt Lehrbauernhof aufgeben, weil wir keinen fanden, der ihn übernehmen konnte? Wir entwickelten einen Modellstall. Wieder und wieder verwarfen wir die Pläne und fanden zu besseren Ideen. Und planten weiter. Sepp und Franz, zwei standfeste österreichische Bauern, berieten uns. Da meldete sich Liviu aus der Nachbarschaft ein zuverlässiger, fleißiger Alleskönner. Zunächst sollte er die Maschinen warten. Mit Hingabe richtete er den alten Pflug her und brachte die heruntergekommenen Geräte zum Laufen. Ob er sich auch im landwirtschaftlichen Betrieb auskenne? Natürlich, meinte er, er kenne die Tierzucht und die Feldbestellung. Heute zeigt er zufrieden auf Schweine, Hühner, Kühe, Schafe und Ziegen – und vor allem auf seine acht Lehrlinge, die mit ihm arbeiten. Sie liefern für unsere Sozialzentren Milch, Eier und Fleisch. Der Bauernhof gedeiht – nach einem verflixt langen Anlauf.

Unsere gescheiterten Versuche mit der Landwirtschaft vergleiche ich mit der ersten Lebensphase Adams, die mit der biblischen Zahl hundertdreißig Jahre umschrieben wird. Was hat er in diesen Jahren nicht alles erlebt! Eva schenkte ihm zwei Söhne. Der vielversprechende Abel wurde von seinem Bruder Kain ermordet. Der Mörder wurde resozialisiert, doch die Gewalt setzte sich bei seinen Nachkommen fort. Wie sollte die Menschheitsgeschichte weitergehen? Adam zeugte noch einmal einen Sohn, von dem die Bibel betont, dass er dem Vater ähnlich ist, so wie dieser und seine Frau Gott nahekommen. Mit dem dritten Sohn schenkte er dem ersten Menschenpaar einen Neuanfang. Der Name dieses Sohnes ist Set, Setzling oder Ersatz – für die zwei missglückten Söhne. Gott gefiel es, mit dem Dritten menschlichen Erfolg zu ermöglichen.

Bis Liviu kam, haben wir mit einigen Leuten versucht, die Landwirtschaft zu führen. Es dauerte Jahre, bis wir den fanden, der den Bauernhof mit Lehrlingen zum Laufen brachte. Er versteht und erfüllt die Erwartungen.