Der Abschied zeigt, ob die Liebe gesund war

Ruth Zenkert

Es gibt Lieblinge. Sie werden verwöhnt. Sie werden beneidet. Die Frage ist: Was wird aus ihnen?

Als Petrus diesen sah, sagte er zu Jesus: Herr, was wird denn mit ihm?

Joh 21,21

Eines der ersten Straßenkinder, denen ich in Rumänien begegnete, war Iulian, ein kleiner Wilder, der sich selbstsicher im Untergrund von Bukarest zurechtfand. Er kam in unser Kinderhaus, lief aber oft wieder weg, weil die Verlockungen der Freiheit auf der Straße zu stark waren. Das große Fußballspiel im Stadion war spannender als warme Milch zum Frühstück. Doch Iulian kam immer wieder zurück, bis er blieb. Er überstand mühsam die Schule, eine einfache Berufsausbildung und begann zu arbeiten. Auch da brauchte er viele Ansätze und oft eine Fürsprache beim Arbeitgeber, wenn er wieder einmal gescheiter zu sein glaubte als sein Chef. Iulian war mein besonderer Schützling. Seinen Freunden erzählte er, dass ich seine wahre Mutter sei. Als ich Bukarest verließ, war er der Erste, der alles liegen und stehen lassen wollte, um mitzugehen. Ich zögerte es hinaus, bis wir eine Möglichkeit fanden, dass er im neuen Werk mitarbeiten konnte. Er war fleißig, und ich genoss seine Gegenwart. Abends saßen wir im Garten, um uns Kinder und Freunde aus dem Dorf. Die kleine Gemeinschaft wuchs. Auch Iulian. Würde es immer so sein? Es wäre schön, wenn wir zusammenbleiben könnten.

Dann kamen neue Aufgaben. Iulian half in einem anderen Dorf beim Aufbau des Sozialzentrums. Aus der Ferne machte ich mir viele Sorgen: Ob er seinen Wecker stellte? Ob er wusste, mit wie viel Grad er die Pullover waschen musste? Würde er sein Geld so einteilen, dass es bis zum Monatsende reichte? Hatte ich meinen Liebling zu sehr verwöhnt und umsorgt? Er schlug sich durch, wenn auch manches für mich schmerzhaft war. Eines Tages zog er in die Stadt, um dort zu arbeiten. Er lebt in einem einfachen Zimmer, vieles, was es bei uns gibt, hat er nicht mehr. Aber er ist selbständig. Hat eine Freundin. Schafft sein Leben.

Eine berühmte Geschichte eines Lieblings erzählt das Buch Genesis. Der Stammvater Jakob verwöhnte Josef, der ihm in hohem Alter von seiner geliebten Rahel geboren worden war. Jakob schenkte Josef einen besonders schönen Rock, wie ihn keiner der Brüder bekam. Sie wurden so ärgerlich, dass sie den Lieblingssohn des Vaters in eine leere Zisterne warfen. Josef wurde von Kaufleuten gefunden und an eine Karawane verkauft. Aus dem verwöhnten Kind wurde der ägyptische Josef, der die Großfamilie vom Hof des Pharao aus schließlich rettete. Vorher aber stand der Vater unsägliche Qualen und Zweifel durch. Was mochte aus seinem Sohn geworden sein, dem er sein ganzes Herz geschenkt hatte?

Möglicherweise war auch Petrus, wie die Brüder von Josef, ein wenig eifersüchtig, als er Jesus nach dessen Liebling fragte: Herr, was wird denn mit ihm? Dabei musste ich an meinen Liebling Iulian denken. Auch auf ihn schauten viele eifersüchtig, und ich hatte unruhige Nächte mit der Frage, was aus ihm werden würde. Die Zukunft wird zeigen, ob der Liebling selbständig wird, was die Liebe hinterlassen hat.

Es gibt Lieblinge. Sie werden verwöhnt. Sie werden beneidet. Die Frage ist: Was wird aus ihnen?