Denn er ist wie Du. Denn sie ist wie Du.

Ruth Zenkert

In wem habe ich einen Meister der Liebe gefunden? Wie kann man aus Liebe gehen?
Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.
Joh 15, 12 

„Und du hättest uns wirklich alle verlassen?“ fragte ich meine Mutter geschockt, „den Papa und uns alle, uns vier Kinder?“ „Ja“ sagte sie ganz klar, mit ihrem strengen Blick, den ich als Kind nicht gerne mochte. Mir blieb der Atem stehen. Geborgen war ich aufgewachsen. Auch wenn es zwischen den Eltern manchmal blitzte, war es für uns völlig ausgeschlossen, dass unsere Familie zerbrechen würde. Was für mich damals so selbstverständlich war, wurde mir erst später bewusst, als ich mich um Kinder kümmerte, die eine schwierige oder keine Familie hatten.

Wenn ich heute meine alten Eltern besuche, höre ich gerne, wenn sie von ihrer Kindheit erzählen, von der verlorenen Jugend im Krieg, von der Zeit, als wir Kinder waren. Einmal wollte ich wissen, wie sie damit zurechtkamen, als sie erkannten, dass unsere jüngste Schwester behindert ist. Der Arzt hatte ihnen geraten, uns Geschwistern das Problem nach frühestens drei Monaten mitzuteilen, erst wenn wir die kleine Schwester ganz angenommen haben würden. Meine Mutter konnte die drei Monate nicht abwarten, sondern fasste einen Plan: Sollten wir unsere Schwester nicht lieben, würde sie mit ihr in die Schweiz gehen und dort in einem Kinderheim arbeiten. In jedem Fall würde sie wie eine Löwin für ihr Kind kämpfen.

War die Liebe meiner Mutter zu mir und meinen Geschwistern so schwach, dass sie uns im Stich gelassen hätte? Nein, bald verstand ich: Ihre Liebe zum hilfsbedürftigen Baby war so groß, dass sie sogar auf die Familie verzichtet hätte. Hatte sie mit ihrem radikalen Plan das Gebot Jesu erfüllt: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“? Was ist das Besondere an seinem neuen Gebot, das doch uralt ist? Tausende Male hat es Jesus schon in der Thora gelesen: „Du wirst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst“ (Lev 19,18), konkret sogar: „Du wirst den Fremden lieben, wie dich selbst“ (Lev 19,34). Martin Buber übersetzt das hebräische Wort in genialer Weise anders: „ … denn er ist wie du.“ Das Wissen, dass wir dem andern so ähnlich, ja sogar gleich sind, bringt eine Dynamik in Gang. Ich kann den Fremden annehmen, weil er ist, wie ich bin. Und nicht anders oder fern von mir. Wenn Nächstenliebe und Selbstliebe zusammenfallen, stimmt es. Alles andere ist fromme Lüge. Dieses göttliche Gebot lebte Jesus. Neu daran ist „nur“, dass die Welt einen neuen Meister der Liebe in ihm gefunden hat. Einen, der die Fremdenliebe aus der Thora so wörtlich nahm, dass er die Feinde liebte. Es waren die römischen Besatzungssoldaten ebenso wie seine eigenen religiösen Führer. Für sie hat er sein Leben hingegeben, um sie zu „entfeinden“, wie Pinchas Lapide übersetzt. Er nahm der Feindschaft die Kraft. Nicht mit einer Theorie, sondern durch seinen persönlichen Einsatz. Wer Liebe lernen will, kann auf Jesus schauen. Ich darf spüren, wie Jesus seinen Blick mir zuwendet. Für mich, für den Fremden und für meinen Nächsten, für Jesus gilt: „Denn er ist wie du. Denn sie ist wie du.“ Dieses Wissen setzt jene Liebeskraft frei, die meine Mutter für das behinderte Kind aufbrachte.

In wem habe ich einen Meister der Liebe gefunden? Wie weit bin ich schon aus Liebe gegangen?