Den Übergang gestalten

Ruth Zenkert

Wie sehen Abschiede aus?

Henoch ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.
Gen 5,24

Und auf einmal war da eine andere Stille. Ich fühlte den Puls am Hals. Nichts. Ich umarmte meine Zwillingsschwester Barbara. Dann den Körper unserer Mutter. Ein unbeschreiblicher Friede umhüllte uns. Wir verweilten ein wenig. Dann holten wir die Stationsschwester. Es war nachts um halb drei. Wir fuhren nach Hause. Dort saßen wir mit unseren beiden älteren Geschwistern zusammen, ich fühlte mich ihnen stärker verbunden als je zuvor. Unserem kranken Vater sagten wir es erst am Morgen. Es war hart. Am Mittag holte mein Bruder Carolin nach Hause, sie lebt in der Nähe in einer Wohngruppe für Behinderte. Wir Geschwister erwarteten sie im Wohnzimmer. Barbara sagte ihr: „Die Mama ist gestorben.“ Carolin brach in Tränen aus, fasste sich aber schnell und sagte: „Jetzt muss ich den Papa trösten.“ Lange blieb sie an seinem Bett.
In den Tagen zuvor hatten wir Kinder nacheinander die Eltern besucht, weil sie Grippe hatten und Hilfe brauchten. Jetzt war ich gekommen, und meine ältere Schwester sollte abreisen. Beim Frühstück waren wir noch fröhlich beieinander gesessen. Meine Mutter bestaunte den Blumenstrauß am Tisch. Sie freute sich über den wiedergekehrten Appetit und wollte noch einen Kaffee trinken. Ihr Griff zur Tasse war stockend – und dann der Hirnschlag.
Für das Begräbnis malte Carolin ein Bild, mit viel Grün und Blumen und der Aufschrift: „Für die liebe Mama – zum Abschid. Wir haben Dich alle lieb. Der liebe Gott beschüzt Dich.” Sie hatte genau geplant, wie sie das Bild der Mama übergeben würde. „Wenn der Sarg unten ist, dann geh ich hin und lass das Bild los, und dann flattert es langsam hinunter zu ihr.“ So geschah es dann auch. Seither redet sie über ihr „Himmelstelefon“ mit der Mama. Manchmal richtet Carolin uns aus, was die Mama ihr mitgeteilt hat, zum Beispiel dass wir miteinander ein Trost-Eis essen sollen. Mir kommt es vor, als gehe die Beziehung der beiden genauso weiter, wie sie zu Lebzeiten war.

Unsere Mutter ging mit Gott, dann war sie nicht mehr da; Gott hatte sie aufgenommen. Was die Bibel vom guten Lebenswandel Henochs berichtet, kann ich auch von ihr sagen. Die unendliche Liebe, die sie uns und besonders ihrer behinderten Tochter geschenkt hatte, gibt vor allem Carolin heute einen Lebenshalt. Und Carolin gibt diese Liebe weiter. Unsere Mutter ist nicht gestorben, auch wenn sie jetzt auf andere Weise mit uns ist. Genauso wie Elijah, der nicht gestorben ist, sondern von Gott im Feuerwagen in den Himmel aufgenommen wurde. Feurig, wie er gelebt und für Gerechtigkeit gekämpft hat. Er hinterließ einen starken Nachfolger und eine Prophetenschule, die seine sozialen Werke bis in den heutigen Tag weiterführt.
Als Jesus in den Himmel aufgenommen wurde, war es dort nicht leer. Mose, der Freund Gottes. Elijah. Henoch. Der rechte Schächer, dem Jesus versprochen hatte, dass er noch heute mit ihm im Paradies sein werde. Später die Mutter Jesu. Und auch meine Mutter, wie ich glaube. Wie Henoch sind sie mit Gott durch das Leben gegangen, und weiter.

Was der Volksmund sagt, hat etwas in sich: Man stirbt, wie man gelebt hat. Der Abschied wirft ein Licht auf das, was vorher war. Wir gestalten die Übergänge unseres Lebens in dem, was wir heute tun und wie wir miteinander sind.