David gegen Goliath

Max Heine-Geldern SJ

Dem Verstecken ein Ende setzen.

„Als sie an den Schritten hörten, dass sich Gott, der HERR, beim Tagwind im Garten erging, versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott, dem HERRN, inmitten der Bäume des Gartens.“
Gen 3,8

David wirkt nicht gerade wie ein Sonnyboy. Eher grimmig blicken seine Augen mitten im tätowierten Gesicht und beobachten genau, wer über die Schwelle von Homeboy Industries tritt. Selten sind es Leichtgewichte. Gewalt, Drogen und Gefängnis finden sich beinahe in jeder Biographie. Die meisten sind in einer der vielen Gangs von Los Angeles aufgewachsen. David selbst ist erst vor fünf Monaten durch die Glastür des Sozialzentrums getreten. Seine fünf Jahre im Gefängnis haben ihn geprägt. Er riecht noch nach der Zelle, dem Innenhof und nach dem Pfefferspray, mit dem er während der Prügeleien besprüht worden war. Und doch verbreitet er auch einen anderen Duft. Den Hauch der Umkehr. Er will nicht mehr in den Knast. Dafür kämpft er jeden Tag. Versucht trocken und clean zu bleiben. Der harten Realität nicht zu entfliehen. Sich ihr zu stellen, vor allem sich selbst, den eigenen Wunden und Taten ins Gesicht zu blicken, statt sich zuzudröhnen und die Verantwortung abzuschieben. Das ist die erste große Hürde des Resozialisierungsprogramms von Homeboy. Ohne dieses Fundament hält niemand den Herausforderungen des neugewonnenen Alltags und der Arbeitswelt stand. Es ist ein steiniger Weg, jedoch abgefedert durch einen geschwisterlichen Zusammenhalt zwischen den Homies, wie sich die ehemaligen Gangmitglieder nennen. Und einem großen Vertrauen zum Jesuitenpater Gregory Boyle, der vor 30 Jahren das Projekt gegründet hatte. Ein zentrales Element für die verwandelnde Atmosphäre im Haus ist das tägliche Morgenritual, zu dem sich alle Homies und Mitarbeiter in der Aula versammeln. Das Tagesprogramm wird verkündet. Geburtstage und bestandene Prüfungen werden gefeiert und abschließend gibt es einen Gedanken zum Tag gefolgt von einem Gebet.
Heute spricht David zu uns. Vergangene Woche ist er rückfällig geworden, ließ sich provozieren, reagierte im alten Schema. Drei Tage rang er mit sich selbst. Waren die fünf Monate umsonst? All die Gespräche, die Therapieeinheiten, die keimende Hoffnung? Kann er den anderen Homies noch gegenübertreten? Scham überkam ihn, schmerzte, wollte ihn übermannen. Doch er stellte sich ihr und nahm einen zweiten Anlauf. Er wollte seinen Homies zeigen, dass sie zu seiner Familie geworden waren, dass er ihnen vertraute. Er sah Father G an der Türe stehen und wollte sich an ihm vorbei in dessen Büro schmiegen. Doch Greg wandte sich ihm zu: „Hey, give me a hug!“ Das hätte David nie gewagt. Er wollte nicht den starken Macher spielen, denn das war er nicht. Viel zu groß war seine Angst vor dem Gefängnis.

Angst beherrschte auch die beiden Menschen mitten im Paradies. Denn die Frucht hat sie erkennen lassen, dass sie falsch gehandelt hatten. Gott hatte ihnen mit dem Tod gedroht, wenn sie von diesem Baum essen würden. Nun spürten sie am eigenen Leibe die Konsequenzen. Ihr Verhältnis zu Gott und zueinander hat sich radikal verändert. Sie sind sich einander fremd geworden. Versteckten sich. Wollten die Verantwortung für ihre Handlung nicht tragen.

Hierin unterscheidet sich David radikal von ihnen. Er macht sich verwundbar, steht zu seinem Fehler, bittet um Verzeihung. Hier ist nichts gespielt, hier brüllt sein Herz, hier blicken seine Augen flehend. Vom einst unantastbar wirkenden Goliath ist nichts mehr zu spüren. David ist aus seinem Versteck getreten.