Das Schwere am Erwachsensein

Ruth Zenkert

Wo bin ich in Gefahr, mich vor einer unangenehmen Entscheidung zu drücken?

Dann sprach Gott, der HERR: Siehe, der Mensch ist wie einer von uns geworden, dass er Gut und Böse erkennt.
Gen 3,22a

Die Schlitten und die Jause waren ins Auto gepackt, nun war alles fertig für den Ausflug in die Berge. Die Kinder hatten sich im Herbst angestrengt, um jetzt mitfahren zu können. Gute Noten in der Schule, Teilnahme beim Chor und Sport, Hilfe beim Saubermachen im Sozialzentrum und eine gute Tat, das waren Möglichkeiten, wie sie Punkte sammeln konnten, um einen Platz zu bekommen. Andererseits gab es auch Minuspunkte, die einen Ausschluss bewirkten. So hatten wir es vereinbart. Die fröhlichen Kinder warteten schon vor dem Sozialzentrum mit Lidia, der Leiterin. Sie verteilte noch Handschuhe und Mützen an die, die nichts hatten. Und da sah ich unter den Kindern Bogdan. Ich nahm Lidia zur Seite und fragte, warum er hier sei. Jeder wusste, dass er bei Nachbarn eingebrochen war und gestohlen hatte. Außerdem hatte er oft in der Schule gefehlt. Lidia schaute mich an wie ein scheues Reh. „Es war so schwer für mich, Nein zu sagen. Ich will nicht die Böse sein, die ihm etwas verbietet.“ Es gebe doch so viele Kinder, die es verdient hätten, mitfahren zu dürfen, erwiderte ich. „Aber Bogdan wollte unbedingt mit, die anderen haben es hingenommen, dass sie es nicht geschafft haben“, war Lidias Meinung. Nun stand ich vor der Kinderschar, die ins Auto drängte, mit Lidia, die es mir überlassen hatte, den frechen Bogdan wieder nach Hause zu schicken. Wenn ich das tue, werden die Kinder sie nie mehr ernst nehmen, ging es mir durch den Kopf. „Am besten ist, du bleibst mit Bogdan hier, ihr macht einen Spaziergang hinauf in den Wald und nehmt noch fünf andere Kinder mit“, schlug ich ihr vor. Und ich fragte die fröhliche Bande, mit wem wir die zwei freien Plätze belegen sollten. Sie stimmten für Ovidiu und Alice, die beiden waren überglücklich. Es wurde ein wunderbarer Winterausflug.

Lidia hatte es geschafft, Leiterin des Sozialzentrums zu werden. Jetzt aber drückte sie sich vor einer schweren Entscheidung. Gut und Böse zu erkennen, erhöht einerseits den Menschen, bringt ihn aber auch in Schwierigkeiten. Die Schlange versprach Adam und Eva, Gott gleich zu werden. Doch anders klingt, was Gott in der Folge sagt: „Siehe, der Mensch ist wie einer von uns geworden, dass er Gut und Böse erkennt.“ Das ist eine Ironie angesichts der Tatsachen. Der Mensch ist aus dem Garten Eden vertrieben, er muss sich verstecken und hat Angst vor der Wahrheit. Dass er Gut und Böse erkennen kann, ist ein Gewinn, aber längst nicht das, was die Schlange versprochen hat. Nicht mit göttlicher Klarheit, sondern mit menschlichen Zweifeln ringt der Erwachsene um die Unterscheidung. Die quälenden Fragen, was zu tun sei, die Dunkelheit, sie sind der Preis für die gewonnene Selbständigkeit. Vor der Übertretung des einen göttlichen Verbots war der Mensch unbefangen wie ein Kind, jetzt ist er erwachsen und trägt die Last der Verantwortung. An ihr ist Lidia gescheitert. Doch Gott lässt das Opfer der Schlange, den Menschen, nicht fallen, er unternimmt neue Schritte, um ihn vor seinem Hochmut zu schützen.

Liebe Freunde, im Neuen Jahr wünsche ich euch den Mut zur Entscheidung.