Das Schlüsselloch

Max Heine-Geldern SJ

Verbote, die Geschenke sind.

Dann gebot Gott, der HERR, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.
Gen 2,16f

Nur noch wenige Stunden, dann war es endlich so weit. Die letzten vierundzwanzig Tage waren Stephanie wie eine Ewigkeit vorgekommen. Jeden Tag hatte sie eine der liebevoll bemalten Holzschachteln aufgemacht. Stundenlang hatte sie Vanillekipferl gerollt und versucht, sie so filigran wie jene ihrer Mutter zu formen. Am liebsten aber naschte sie von der Schokoladecreme für die Rumkugeln. Beim gemeinsamen Adventsingen hielt sie sich an die melodische Stimme ihrer Schwester, denn auf die männlichen Stimmen war weniger Verlass. Ihre jüngeren Brüder waren mehr mit dem Entzünden der Tannennadeln beschäftigt, während ihr Vater mit Vergnügen die Noten verfehlte.
Nun war alles bereitet. Im Kinderzimmer stand die Holzkrippe und wartete auf das Jesuskind. Stephanie wusste, dass nicht das Christkind die Geschenke brachte, aber ihren jüngeren Geschwistern zuliebe spielte sie mit. Immer legten die Eltern als kleinen Hinweis, dass das Christkind vorbeigeschaut hatte, nachts Tannenzweige ins Kinderzimmer. Am Vorabend hatte sich das neugierige Kind fest vorgenommen, sie auf frischer Tat zu ertappen. Doch der Schlaf vereitelte ihren Plan.
Ein noch eindeutigeres Zeichen für die Ankunft des Christkindes war die verschlossene Tür des Wohnzimmers. Jetzt waren es wirklich nur noch wenige Stunden. Waren ihre Wünsche erhört worden? Vielleicht würde ein Blick durchs Schlüsselloch ihr etwas verraten? Wie schön wäre es, jetzt dem ewigen Warten ein Ende zu setzen! Ich werde auch niemanden etwas sagen! Nein! Tue es nicht!, durchzuckte sie eine innere Stimme. Warum nicht?! Ich werde genauso überrascht tun wie sonst. Ein kurzer Blick schadet doch niemandem.

Genauso wenig schädlich scheint die Erkenntnis von Gut und Böse zu sein. Wäre der Mensch nicht ohne sie orientierungslos in einer herausfordernden Welt? Deswegen unterstreicht mein Mitbruder Georg Fischer in seinem Genesiskommentar, dass es an dieser Stelle weniger um das Erkennen als vielmehr um das Verbot an sich geht. Denn einige Zeilen später offenbaren die Worte der Schlange (3,5) das eigentliche Motiv hinter dem Verlangen, vom Baum zu essen: sein zu wollen wie Gott. Anstatt auf ihn zu hören, der einem das Leben und alle Früchte des Gartens gegeben hat, drängt es den Menschen zur Eigenständigkeit. Diese Distanzierung stört die Beziehung mit Gott, der die Quelle des Lebens ist. Das ist die Grunderfahrung der Autoren. Schmerzhafte Fehlentscheidungen haben sie ihre eigene Überschätzung spüren lassen, weswegen sie nun mit drastischen Worten den Leser vor die Wahl stellen: Höre ich auf den, der mir das Leben geschenkt hat, oder folge ich meinem Verlangen?

Stephanie hatte ihre Rolle gut gespielt. Ihre Geschwister strahlten über die Geschenke des Christkinds. Die Fülle ihrer Freude war wunderbar, doch sie selbst konnte sie nicht erleben.

Ihre schmerzhafte Erfahrung vertraute mir meine Schwester später an. Sie legte mir ans Herz niemals durch das Schlüsselloch zu blicken, um nicht die Schönheit des Beschenktwerdens zu verlieren.