Das Prinzip Umsonst

Dominik Markl SJ

Was habe ich gratis bekommen? Was freut mich, umsonst weiterzugeben?
Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!
Johannes 15,9 

Faschingssonntag, Campo de‘ Fiori in Rom. Unter der Statue des Giordano Bruno hat sich ein kleiner Schwarm von Maskierten versammelt, der auf das Zeichen einer jungen Dame hin unversehens mehrstimmig Scherzballaden zu singen beginnt. Touristen und Italiener drängen sich eng im Kreis um den Raum der feinen Klänge und staunen nicht schlecht, als eine als Katze geschminkte Schülerin ihren Sopran erklingen lässt, der weißhaarige Opa mit Malermütze singend das Publikum zum Mitsingen einlädt und der halbwüchsige Bursch aus der hintersten Reihe ein Solo seines ausgebildeten Tenors über den Platz schallen lässt. Der Campo de‘ Fiori verwandelt sich, wird in eine neue Atmosphäre getaucht, man fühlt sich in vergangene Zeiten zurückversetzt. Selbst der düstere Blick des Philosophen Giordano Bruno, der an dieser Stelle bei lebendigem Leib verbrannt worden war, scheint sich ein wenig aufzuhellen. Nach einigen Stücken ist das Programm zu Ende, die Gruppe will zur Spanischen Treppe weiterziehen. Der Applaus ist groß und begeistert. Es war, wie man in gutem Tiroler Latein sagen würde, eine ausgesprochen gaudige Angelegenheit. Es gab keine Eintrittskarten und keine Spendensammlung. Man sang – welch wunderbare Gabe des Faschings – wirklich nur zum Spaß. Wer gerade da war, hatte Glück gehabt.

Die schönsten Dinge, so weiß es das Sprichwort, kann man nicht bezahlen. Dieses „Prinzip Umsonst“ bringt schon die biblische Weisheit vielstimmig zum Ausdruck. Das Hohelied der Liebe besingt eine unbezahlbare Erfahrung: „Böte einer den ganzen Reichtum seines Hauses für die Liebe – wie sehr würde man ihn verspotten!“ Im Buch Hiob stellt der Satan, der „Verwirrer“, das Umsonst in Frage: „Fürchtet Hiob denn Gott umsonst?“ Das Buch beweist, dass Hiob Gott weiterhin sucht, obwohl er alles verloren hat. Beim Propheten Jesaja lädt Gott selbst zum besten Festmahl ein, das nur umsonst zu haben ist: „Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen.“ Dieselbe Einladung wiederholt das Buch der Offenbarung: „Wer will, empfange das Wasser des Lebens umsonst.“ Wenn Jesus seine Freunde in die Welt entsendet, lautet sein Prinzip: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ Warum Jesus mit Menschen so offenherzig umgehen konnte, liegt, wie er im Johannesevangelium verrät, an seiner eigenen mystischen Erfahrung. Wer sich im Urgrund des Universums umarmt weiß, öffnet selbst die Arme für einen Raum der Freundschaft: „Bleibt in meiner Liebe.“

Das Prinzip Umsonst ist kein utopisches Hirngespinst. Ohne das Umsonst würde unsere Gesellschaft, in der angeblich das Geld regiert, sofort zusammenbrechen. Das Prinzip Umsonst regiert in den unzähligen unbezahlten Stunden, in denen Babys umsorgt werden, aber auch in den unbezahlten Überstunden der Rettungssanitäter*innen, Sozialarbeiter*innen, Architekt*innen und Wissenschaftler*innen. Was habe ich gratis bekommen? Was freut mich, umsonst weiterzugeben?