Das Leitwort, das dein Schicksal bestimmt

Georg Sporschill SJ

Wirksamkeit und Freundeskreis entscheiden sich an der Frage: Welche Worte prägen mein Leben und leiten mich?
Wenn sie mich verfolgten, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie mein Wort bewahrten, werden sie auch das eurige bewahren.
Joh 15,20b

Ende der Siebzigerjahre erlebte ich in meiner Gemeinde den Aufbruch der Jugend. Hunderte strömten in die Kirche und machten bei sozialen Aktionen mit. Dreißig Jahre nach meiner Priesterweihe bereiteten sie mir ein Fest. Sie waren inzwischen gestandene Männer und Frauen geworden. Ich fragte eine Frau: „Wie erklärst du, dass es damals diesen Aufbruch gab?“ Ihre Antwort war: „Damals beeindruckte mich, dass der Schwierigste von allen dein bester Freund war. Er war immer bei dir, du hast alles ausgehalten, sogar als er mit einer Pistole durch das Fenster deines Schlafzimmers schoss. Viele bekamen dadurch das Gefühl, dass in dieser Gemeinschaft alle einen Platz finden und dass es Verständnis gibt für ihre Probleme, die in fast allen Fällen geringer waren als bei deinem Liebling.“ Für mich selbst wurde dadurch ein Geheimnis gelüftet, das mir nicht bewusst gewesen war. Und ich erinnerte mich an meinen Lehrer, der uns den Auftrag ans Herz gelegt hatte, auf den Schwächsten zu achten und ihn zur Aufgabe für die Gruppe zu machen. Ich suchte damals starke Jugendliche, die Gruppen leiten sollten. Wenn sie mit einem der Jugendlichen, die nur zwei Jahre jünger als sie waren, Probleme bekamen, gab ich ihnen den Rat meines Lehrers, sie sollten den Schwierigen nicht ausstoßen, sondern zur Aufgabe für die Gruppe machen. Aus der Spannung vom Stärksten und Schwächsten lebt die Sozialarbeit. Diese Erkenntnis habe ich dem Wort meines Lehrers zu verdanken.

„Im Anfang war das Wort.“ So beschreibt die Bibel die Weise, wie Jesus arbeitete. Er suchte junge Menschen und vertraute ihnen Worte an, mit denen sie die Welt bewegen könnten. Diese Worte waren authentisch, sie kommentierten die Taten, die seine Schüler miterlebten. Jesus ging auf die Fremden zu und gab ihnen Heimat. Er hörte die Bedürfnisse der Suchenden und stillte sie. Mit seinem Wort. Die Schüler „bewahrten sein Wort“, das heißt: Sie hörten es und nahmen es auf. Sie setzten sich damit auseinander, sie fragten kritisch nach. Sogar der „ungläubige“ Thomas kam, als er die Wundmale berührte, zu dem Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott.“ Für viele andere jedoch blieb das Wort Jesu ein Ärgernis. Sein Anspruch überforderte sie. Das Neue war zu viel. Sie lehnten Jesus ab. Dass die Hörer seines Wortes auch diese Erfahrungen machen müssen, verschwieg ihnen Jesus nicht: „Wenn sie mich verfolgten, werden sie auch euch verfolgen.“ Leitworte sind nicht beliebig, sondern schaffen Konturen.

Das Wort meines Lehrers, die Schwächsten zur eigenen Aufgabe zu machen, hat mich von der Jugend in der Pfarrgemeinde zu den obdachlosen Jugendlichen in Wien und zu den Straßenkindern in Rumänien geführt. Eine Frau hat mich dreißig Jahre später an das Wort aus der Jugend erinnert. Sie hatte das Wort im Herzen bewahrt und wurde Therapeutin.

Wirksamkeit und Freundeskreis entscheiden sich an der Frage: Welche Worte prägen mein Leben und leiten mich?