Das Gewissen strahlt mehr als die Macht

Ruth Zenkert

Auf den hören, der dich geschaffen hat. Mut zur Entscheidung.

Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.

Gen 1,17-19

Dan stand vor mir, den Blick auf den Boden gerichtet, die Hände in den Hosentaschen, und murmelte, es sei alles zu schwierig. Die Leute machten nicht mit, wenn er mit ihnen arbeiten wolle. Er selber sei schon krank und überhaupt, warum bekomme er nicht wie alle anderen ein Haus? Ich war unzufrieden mit seiner Leistung. Gewiss, er hatte keine leichte Aufgabe. Vor einem Jahr waren hier noch Lehmhütten gestanden, Familien hausten in äußerster Not, viele Kinder hatten Hepatitis. Kein Wasser, kein Strom, überall Müll. Auf Drängen des Bürgermeisters hatten wir mit den Männern die Hütten abgerissen und zwölf neue Häuser gebaut, in die die Familien eingezogen waren. Nun stand dort eine Reihe bunter Häuschen mit kleinen Gärten. Aus dem Elendsviertel wurde das „Cartier Marghita“, mit einem Sozialzentrum, in dem die Kinder essen, sich waschen, die Zähne putzen, Hausaufgaben machen, spielen.

Wir bauen weiter. Im Zentrum ist es sauber, die Kinder haben schnell gelernt, sich an einfache Regeln zu halten. Aber sobald man ins Cartier Marghita kommt, zeigt sich das alte Problem: Aus allen Ecken quillt der Müll. Dan sollte mit den Leuten saubermachen, Mülleimer aufstellen, Häuser und Gärten pflegen. Leider war nicht zu sehen, dass er irgendwo eingegriffen hätte. Das einzige Ergebnis war, dass alle im Viertel ihn hassten, weil er sich bei ihnen als Chef aufgespielt hatte. Jetzt schlurfte er davon und vergrub die Hände noch tiefer in den Taschen.

Ratlos fragten wir Doina, ob sie nicht mitmachen wolle. Sie sorgt für ihre behinderte Schwester und für ihre Kinder. Ihr Mann ist schon lange verschwunden. Auch wenn sie fast nichts hat, es ist immer blitzsauber in dem rot ausgemalten Zimmer. Sie gibt den anderen Müttern ein Beispiel und packt mit ihnen an. Bald wird das nächste Haus fertig. Dan hatte schon allen verkündet, es sei für ihn. Doina aber bestimmte jetzt, dass Florin mit seiner großen Familie einziehen werde. Er geht arbeiten, in seine alte Hütte regnet es herein, er braucht am dringendsten ein winterfestes Haus. Doina hat eine mutige Entscheidung getroffen, obwohl sie sich damit auch einen Mächtigen zum Feind gemacht hat.

Doina ist für mich wie ein Licht, das Gott an das Himmelsgewölbe setzte, „damit sie über die Erde leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden“. Die Lichter, die Gott geschaffen hat und am vierten Tag am Gewölbe befestigt, sind wörtlich übersetzt „leuchtende Körper“. Sie leuchten nicht selbst, sondern haben die Funktion, das Licht weiterzugeben. Sie dienen und sind nicht eigenmächtige Herrscher. Neben der wichtigsten Aufgabe, die Erde zu erhellen, geben sie dem Menschen Orientierung. Sie regeln den Kalender, Jahreszeiten, Festtage, sie unterscheiden Tag und Nacht.

Wenn der Mensch sich als Geschöpf des Einen Gottes weiß und auf IHN hört, kann er zwischen Tag und Nacht, zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wer auf die Stimme seines Gewissens hört, bekommt Mut zur Entscheidung. Und kann im Sinn des Einen richtig handeln, leuchten, Frieden stiften.