Das Gewand eines Gerechten

Ruth Zenkert

Die Gerechten, denen wir Lebensqualität zu verdanken haben, sind versteckt. Wer findet sie?

Das ist die Geschlechterfolge nach Noach: Noach war ein gerechter, untadeliger Mann unter seinen Zeitgenossen; er ging mit Gott.
Gen 6,9

 

Lange Zeit hatte Adi immer ein Arbeitsgewand im Kofferraum liegen. „Ich gebe zu, in den ersten Wochen habe ich mich im Auto umgezogen und desinfiziert. Meine Frau hätte mich sonst nicht ins Haus gelassen. Sie hatte Angst, dass ich Läuse mitbringe oder ein Floh unserem Baby Krankheiten bringt.“

Schwer war es für Adi, als er sich entschlossen hatte, in unserer Musikschule Unterricht zu geben. Seine Kollegen und Freunde lachten, als er erzählte, dass er Zigeunern das Saxophonspielen beibringen wolle. Wir hatten mit Trommeln begonnen, dann mit Klarinette und Querflöte. Immer mehr Kinder kamen und wollten ein Instrument lernen. Saxophon war und ist das beliebteste Instrument, weil man damit auch im Dorf bei Hochzeiten spielen und Geld verdienen kann. In Sibiu, Brasov, Cluj, bis nach Bukarest suchten wir Lehrer bei den musikalischen Hochschulen und Vereinen. Das Gehalt war hoch, ebenso wie unsere Erwartungen. Dann kam die Rede auf die SchülerInnen – Zigeuner … Nun folgten berechtigte Einwände: Wie sollen sie Noten lesen, wenn sie nicht lesen und schreiben können? Wenn sie so schmutzig sind und stinken, kann ich nicht unterrichten. … Wir glaubten an unseren Traum und argumentierten weiter. Bei allen scheiterte es daran, dass sie mit Zigeunern nichts zu tun haben wollten. Sie schämten sich vor den Kollegen, die im Anzug vor feinen Zuschauern in der Philharmonie spielten oder Kinder aus reichen Familien in warmen Villen unterrichteten.

Doch Adi ließ sich überzeugen. Ihn reizte die Vorstellung, mit einer wilden Bande rumänische Volksmusik einzustudieren. Erst musste er aus den vielen Bewerbern Schüler auswählen, die begabt waren und mitmachen wollten. Dann folgten die Stunden, in denen er mit ihnen eine gute Tonbildung einüben musste. Das ist mühsam und langweilig. Spätestens jetzt steigen sie aus, fürchtete er. Doch seine Gruppe wuchs trotzdem. Die Begeisterung der jungen Leute steckte ihn an. Irgendwann warf er sein „Arbeitsgewand“ weg und zog sich nicht mehr um, er spürte, dass sie seine Freunde geworden waren. Biblische Gerechtigkeit hat sie zusammengeführt. Heute spielen sie bei nationalen Musikfesten, bei Veranstaltungen in Sibiu. Adi dirigiert seine Musiker auf der Bühne, und sieht im Publikum oft die erstaunten Blicke seiner Exkollegen.

Nach einer jüdischen Legende braucht jede Generation 36 Gerechte, damit die Welt erhalten bleibt. Ohne sie verlöre die Welt den Frieden, sie würde sich selbst zerstören. Aber niemand kennt die Gerechten. Nicht einmal sie selbst wissen, dass sie es sind, die die Welt vor dem Untergang bewahren. Abraham handelte Gott herunter von fünfzig auf zehn Gerechte. Wenn es sie gibt, wird Gott Sodom nicht vernichten. Gerechte wie Noah in der biblischen Geschichte sind Hiob, dessen Gottvertrauen kein Unglück zerstören konnte, oder Josef in Nazareth, der unter Lebensgefahr seine Verlobte Maria schützte. Ein Zaddik, ein Gerechter, ist nach dem Talmud ein Mensch, der über die Erfüllung des Gesetzes hinausgeht. Ich habe in unserem Saxophonlehrer einen Gerechten entdeckt. Einen Menschen, der gegen den Strom in allen Menschen die Würde gefunden und die Verachteten zum Strahlen gebracht hat.

Die Gerechten, denen wir Lebensqualität zu verdanken haben, sind versteckt. Wer findet sie?