Das Gemeinsame von Judas und Johannes

Georg Sporschill SJ

Was ist das Geheimnis deines Herzens, das du weitergibst?

Petrus wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus liebte und der beim Abendmahl an seiner Brust gelegen und ihm gesagt hatte: Herr, wer ist es, der dich ausliefert?

Joh 21,20

Unsere besten Musikschüler waren in Wien und hatten ein Konzert gegeben. Roma-Musik mit feurigem Rhythmus, der alle mitgerissen hatte. Nun waren sie glücklich und erschöpft. Ich lud sie zu einem Abend im Prater ein, das war ihr großer Traum gewesen. Glücklich zogen die jungen Helden in den Vergnügungspark. Mit Julian, einem Praktikanten blieb ich zurück. Wir setzten uns ins Schweizerhaus auf ein Bier. Der junge Mann überraschte mich mit seinem Interesse an unserem Orden. “Ist das jesuitisch? Deine Großzügigkeit. Hast du die glücklichen Gesichter gesehen?” Ich dachte nach und mir fiel das Gebet des Ignatius ein: “Herr, lehre mich die wahre Großmut. Geben, ohne zu zählen …” Unser Ordensgründer betont die Großherzigkeit. Mit uns, mit Gott, mit anderen. Aber ich dachte auch an einen Moment aus meiner Kindheit, der mir jetzt noch deutlicher vor Augen stand als die Anweisungen des Ignatius. “Das ist nicht nur jesuitisch, das habe ich von meinem Vater”, vertraute ich meinem jungen Freund an. “Als kleiner Bub stand ich neben ihm, als er auf einer Baustelle seinen Mitarbeitern zuschaute. Da winkte er Heribert zu sich, der mit einem riesigen blauen Bagger einen Graben aushob. Der Maschinist stellte den Bagger ab und eilte herbei. Mein Vater zog aus seiner Brieftasche hundert Schilling und überreichte sie dem Baggerfahrer. Der traute seinen Augen nicht. Mit strahlendem Gesicht kletterte er wieder in den Führersitz hinauf. Großzügig sein, anderen mehr zutrauen – das hat mir mein Vater mitgegeben. Ich möchte auch so sein.”

Was ist das Geheimnis deines Herzens, das du weitergibst? Auf diese Frage zielt das Johannesevangelium im Finale. Da richtet sich der Blick noch einmal auf die zwei Hauptfiguren des Werkes, auf Petrus, dem Jesus unter den Zwölf die Führungsaufgabe anvertraut hat, und auf Johannes, den Lieblingsschüler. Das stärkste Bild ist das Abendmahl, bei dem er am Herzen Jesu liegen durfte. So wie Jesus, der Messias, am Herzen Gottes liegt. Dieser Schüler, der Jesus am nächsten war, stellte die eine Frage: Herr, wer ist es, der dich ausliefert? Mit dieser Frage beschreibt Johannes im Schlussakkord des Evangeliums seine eigene Aufgabe, die der des Judas, des Überlieferers, gleichkommt. Johannes hat Jesus ins Wort gefasst, in ein geistliches Evangelium, das die Tiefendimensionen des äußeren Geschehens, wie es in den anderen Evangelien beschrieben ist, offenbart. Er schenkt Jesus, den Messias, den Völkern, wie es Judas bei der Übergabe an Pilatus getan hat. Judas und Johannes überliefern Jesus der Nachwelt. Sie schenken uns den Messias, der aus dem Judentum kommt.

Auch wir sind in die Frage einbezogen: Herr, wer ist es, der dich überliefert, weitergibt, den Kindern von dir erzählt? Wem schenkst du, was du empfangen hast?