Das fünfte Evangelium

Ruth Zenkert

Ich versuche, die Wunder zu entdecken und im Herzen aufzuschreiben.

Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.

Joh 21,25

Das ist der letzte Vers des Johannesevangeliums. Er schließt das Evangelium nicht ab, sondern öffnet es. Und der letzte Satz zwingt den Leser, auf das zu schauen, wovon noch nicht die Rede war, nämlich auf das, was Jesus in den Gemeinden, die sich auf ihn berufen, bewirken wird. Wer immer die Bibel, Altes und Neues Testament, liest und bedenkt, wird zum Tun geführt. Mit der Bibel wird man die Welt verändern, in Konflikte eingreifen, zu Ungerechtigkeiten nicht schweigen, wird an Einsamen nicht vorbeigehen, sondern Beziehungen stiften. Das Leben wird zur Berufung. Wer könnte diese Dynamik fassen, die von der Bibel ausgeht! Sie macht mein Leben jeden Tag spannend. Jesus überrascht mich durch Trost und Aufträge bis zur Überforderung. Auf diese Weise kommt er mir liebevoll entgegen.

Hätte ich alles in meinem Leben selbst entscheiden können oder müssen, wo und wer wäre ich heute? Über viele Umwege, Schmerzhaftes und Glück bin ich in Hosman gelandet. Ein Dorf in Siebenbürgen, mitten unter Roma-Familien. Wir brauchen keinen Fernseher, weil wir die wildesten Abenteuer, Romanzen, tragisches Unglück und Krimis täglich selbst erleben. Paula ist acht und wohnt seit zwei Jahren in unserer Gemeinschaft. Wir sind zusammengewachsen, sie vertraut uns und erzählt beim sonntäglichen Spaziergang immer die unglaublichsten Geschichten aus ihrer verwahrlosten Familie. Ob wahr oder unwahr, das Kind schüttet sein Herz aus. Ein Dorfbewohner hat sich bei ihnen eingenistet, er ist in ihre Mutter verliebt und will nicht wahrhaben, dass sie ihn nicht erhören wird. Alle schlafen in einem Raum, das Kind bekommt alles mit. Der Streit, die Mutter schickt den Liebhaber weg, er geht hinaus, die Mutter schläft ein. Paula hat Mitleid mit dem Verstoßenen und spürt, dass etwas nicht stimmt. Sie wartet und kann nicht einschlafen. In der Dunkelheit folgt sie ihm hinaus und sieht im Mondschein, wie er an einem Balken vor dem Haus baumelt. Sie rast ins Haus und sucht ein Messer. Ein Bruder wacht auf und kommt mit. Er klettert hinauf und schneidet das Seil durch. Der Körper plumpst auf die Erde. Dann gibt der Bruder dem Mann ein paar Ohrfeigen, der kommt wieder zu sich. Paula läuft zum Brunnen und bringt ihm Wasser. Ihr Bruder ist wieder schlafen gegangen. Der Mann sitzt noch eine Weile benommen da, steht auf und geht ziellos ins Dorf. Paula erzählte mir diese Geschichte, weil sie den Mann oft sieht. “Ich habe ihn gerettet”, sagte das kleine Mädchen stolz, “er sagt mir jedes Mal: Guten Tag und danke.”

Wie viele große und kleine Wunder erleben wir täglich? Vielleicht nehmen wir sie gar nicht wahr. Oder nur, wenn wir eben von einer schweren Krankheit geheilt wurden. Bemerken wir aber, dass wir eine schwere Krankheit gar nicht erst bekommen haben? Jeder könnte das Evangelium weiterschreiben, das fünfte Evangelium. Es ist unseres. Ich versuche, die Wunder zu entdecken und im Herzen aufzuschreiben.