Das Fest fällt nicht vom Himmel

Ruth Zenkert

Freude lässt sich nicht machen und befehlen, doch vorbereiten. Wie schaut der Tag vor dem Fest aus?

Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei.
Joh 19,42

Es war ein langer Tag gewesen. Alle zogen sich am Abend früh zurück, um ausgeschlafen zu sein für das große Ereignis. Die katholische Kirche in Hosman war viele Jahre leer gestanden und ziemlich heruntergekommen. Mithilfe unserer Jugendlichen und Bauleuten aus dem Dorf hatten wir sie renoviert, Fundamente trockengelegt, Wände gestrichen, Elektroleitungen verlegt. Unsere Tischlerlehrlinge hatten neue Bänke angefertigt und den maroden Holzaltar restauriert. Heute war die Kirche eingerichtet worden; die neuen Bänke aufgestellt, das Kreuz und Statuen montiert, Blumenschmuck gebracht. Es wurde geputzt, das Altartuch gewaschen und gebügelt, Kerzen geholt, Musik geprobt, die Leute im Dorf eingeladen, gebacken. Viele hatten schwer gearbeitet. Müde schaute ich aus dem Fenster in die dunkle Nacht. Morgen würde der erste Gottesdienst in der Kirche stattfinden! Da sah ich, dass im Mitarbeiterzimmer noch Licht brannte. Wer hatte vergessen, das zu löschen? Ich ging hinüber. Da saß Florin über der Bibel und las laut vor sich hin. Mit dem Zeigefinger fuhr er jedem Wort nach und mühte sich von Buchstabe für Buchstabe. Florin ist auf der Straße aufgewachsen und konnte bis vor kurzem nicht lesen. Er sagt, dass er mit der Bibel jeden Tag lesen lernt. Er suchte Gedanken für die Predigt, denn das war morgen seine Aufgabe. Aufgeregt ging er im Zimmer auf und ab. „Ich möchte allen im Dorf etwas sagen, damit sie positive Energie bekommen.“ Als ich später hinüberschaute, brannte immer noch Licht. Am nächsten Tag war die Kirche voll. Florin las mit starker Stimme das Evangelium. Dann sagte er seine Gedanken dazu, einfühlsam formuliert für die Leute, die vor ihm saßen. Arme, Kranke und Alte, Mütter mit Kindern – Menschen aus der verwahrlosten Roma-Siedlung, die nach allem hungerten. Florin gewann die Herzen der Menschen. Die Vorbereitung hatte sich gelohnt.

Am Freitag haben Juden viel zu tun, um sich auf den Sabbat vorzubereiten. Früher wurden die Leute um drei Uhr mit Trompetensignalen erinnert: Beginnt mit den Vorkehrungen! Die Mütter kochen, suchen die Festkleidung heraus, es wird geputzt und dann, wenn die Sonne untergeht, werden Lampen und Kerzen angezündet. Der Tag, an dem Jesus starb, war ein solcher „Rüsttag“, und zwar ein besonderer. Es war der Tag vor Pessach, aus dem unser Osterfest wurde. Da gab es viel zu tun im Haus, sogar besonderes Geschirr war hervorzuholen. In dieser Zeit des Zurüstens stirbt Jesus. Sein Tod ist wie die Vorbereitung auf das Fest, auf das Fest der Erlösung. Leiden und Mühen dieses Tages sind nicht das Letzte, sondern machen Ostern möglich.

Außer dem Zeitpunkt des Begräbnisses ist bemerkenswert, dass das Evangelium den Namen Jesus am Beginn (Joh 18,1) und am Ende des Berichts über sein Leiden nennt. Der Name ist das Programm, er bedeutet „Gott rettet“. Die Erlösung fällt nicht vom Himmel, sie ist ein langer Weg. Die Auferstehung folgt auf den Rüsttag. Auch unser Fest wäre nicht gelungen, hätten nicht so viele dafür gearbeitet. Und hätte nicht Florin die ganze Nacht das Lesen geübt.