Das Experiment, einen Toten zu berühren

Ruth Zenkert

Sich einer Toten und der Trauerfamilie zu nähern braucht Überwindung. Was aber bringt es?

Josef aus Arimathäa war ein Jünger Jesu … Er bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen, und Pilatus erlaubte es.
Joh 19,38

„Mach noch ein Foto mit allen dreien!“ Also gut, Adi und Augustin und Ramona sollten auf das Bild. Ramona lag in der Mitte, tot im Sarg. Augustin streichelte ihren Kopf und küsste sie aufs Haar, drückte ihre gefalteten Hände. Dann wurde er weggedrängt, auch andere wollten noch ein Foto machen. Drei Tage lag das Mädchen aufgebahrt in unserer Garage im Hof des Sozialzentrums, Tag und Nacht umringt von vielen Freunden und Freundinnen von der Straße. Ramona war vom Leben im Kanal und den Drogen krank geworden und hatte es nicht mehr geschafft. Viele kamen, brachten Kerzen und saßen um sie, trösteten einander, weinten, lachten, erzählten Erlebnisse mit Ramona. Es gab zu essen, sie tröpfelten ihr – nach hiesigem Brauch -Wein in den Sarg, auch ein Stück Kuchen lag dort. Sie dankten ihr, beteten – und machten Fotos. Die vielen Kerzen leuchteten die ganze Nacht, auch in den Gang des Sozialzentrums. Die ausländischen Volontäre taten sich sehr schwer mit diesem Abschied. Sie wagten sich nicht zu der Toten hin, ja selbst wenn sie über den Gang im Haus liefen, hielten sie die Hand vor die Augen, um nicht den angsterregenden Anblick der Leiche und der Kerzen ertragen zu müssen. Nach drei Tagen war das Begräbnis. Bei den Volontären blieben Angst und Trostlosigkeit zurück, während die Freunde von der Straße zwar unter Tränen den Sarg in die Erde hievten, aber mit Ramona im Herzen weiterlebten.

Die Straßenkinder ließen mich an Josef von Arimathäa denken, obwohl sein sozialer Status nicht ihnen, sondern den Wohlstandskindern näher war. Er war reich (Mt 27,57), politisch ein wichtiger Mann, „ein vornehmes Mitglied des Hohenrats, der auch auf das Reich Gottes wartete“ (Mk 15,42), ein Idealist aus guter Gesellschaft. Er als Jude hatte den Mut, zur römischen Besatzungsmacht zu gehen, weil er den Leichnam Jesu abnehmen wollte. Jesus war zwischen den jüdischen und römischen Mächten aufgerieben worden, von beiden Seiten ausgestoßen und geopfert.

Josef von Arimathäa war nur im Verborgenen ein Jünger Jesu gewesen, weil er Angst hatte – vor den Juden, weil sie mit diesem Messias nichts zu tun haben wollten, vor den Römern, die in Jesus einen Aufstandsführer sahen. Das Evangelium lässt offen, vor wem Josef mehr Grund hatte, sich nicht als Jünger Jesu zu deklarieren. Was bewegte den vornehmen Mann zu dieser provokanten Tat? Er konnte das Leben Jesu nicht mehr retten und bloß das eigene Leben gefährden, nur Kopfschütteln oder Feindschaft konnte er ernten. Jetzt aber im Tod, da die Politik keine Rolle mehr spielte, riskierte dieser Mann sein Leben, um den Leichnam zu ehren. Wie die Loser von der Straße, die in der von Drogen entstellten Leiche des Mädchens eine Würde zum Vorschein brachten, die den Abgrund des Todes überstrahlte. Kein Zweifel, diese Verbundenheit bleibt.

Sich einer Toten und der Trauerfamilie zu nähern braucht Überwindung. Auch einem sterbenden oder ausgestoßenen Menschen sich zu nähern verlangt Mut. Und bringt höchstens Schwierigkeiten. Die Berührung des Todes aber macht einen Glanz sichtbar, den nur die Liebe hat.