Das Essen verdienen

Ruth Zenkert

Oft ist die Arbeit hart und mühsam. Wie kann ich die junge Generation so stärken, dass sie mit dem harten Boden zurechtkommt?

Zu Adam sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, davon nicht zu essen, ist der Erdboden deinetwegen verflucht. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.
Gen 3,17

„Neun Kinder hatte ich, jetzt sind es acht.“ Ein Schatten fährt über das dunkle Gesicht von Lucica. Ionci, der älteste Bub, ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben. Die großen Töchter haben Kinder und leben bei ihren Partnern, sie haben es nicht leicht. Aber in der Zigeuner-Familie sind nun ein paar Esser weniger am Tisch. Roma wollen sie nicht genannt werden, sie tragen ja keine langen Röcke und großen Hüte. Roxana war die Hoffnung der Mutter, weil sie als Einzige in der Familie schreiben kann. Sie hatte sogar eine Auszeichnung in der Schule bekommen. Dreizehn ist sie – und schwanger, Zwillinge. Neue Sorgen wachsen heran.

Wir haben mit der Familie ein Haus gebaut, zwei Zimmer und Küche. Auch einen Stromanschluss gibt es jetzt. Das Wasser muss immer noch vom Dorfbrunnen geholt werden. Die Zimmer sind bunt ausgemalt, lila, türkis und rosa. Obwohl draußen alles im Dreck versinkt, hält im Haus Lucica den Boden sauber. Mit ihrem Mann Luca geht sie zur Arbeit auf eine Farm außerhalb des Dorfes. Sie gehört einem Araber, der nie da ist, sein rumänischer Verwalter lässt alles verkommen. Weil die Brücke auf dem Weg eingebrochen ist, müssen Lucica und Luca einen weiten Umweg machen, über eine halbe Stunde. Morgens um fünf Uhr beginnt die Arbeit. Ali, der siebzehnjährige Sohn, begleitet die Eltern oft und hilft ihnen, damit sie alles schaffen. Die Arbeit im Stall ist hart. Ausmisten, Füttern, Melken und dann die vielen Eimer waschen. Es wird dunkel, bis sie nach Hause kommen. Einen Arbeitsvertrag bekommen sie nicht, der Verwalter der Farm klagt über Geldnot. 200 Euro pro Monat, ohne freien Tag, wurde ihnen versprochen. Manchmal gibt es den Lohn erst nach fünf Monaten, manchmal gar nicht. Das Geld reicht nicht zum Essen, auch nicht für die Zwillinge, die bald geboren werden. Lucica hat im Sommer in der entfernten Stadt eine Arbeit bei der Mülltrennung gefunden. Aber weil ein Kollege dort schwer verletzt wurde und ein Bein verloren hat, hat sie Angst bekommen und ist zu Hause geblieben. Luca hat mit seinem Pferd den rumänischen Bauern bei der Ernte geholfen. Und nun sind sie wieder beide auf der Farm, es bleibt ihnen keine andere Wahl. Am liebsten würde man ihnen Geld geben, damit sie nicht mehr so hart ihr Brot verdienen müssen. Lucica reicht ihrem Mann liebevoll den Maisbrei, mit ihren furchigen Händen streicht sie ihm über die frische Narbe an seiner Augenbraue. Ich frage die Eltern: Wie wäre es, wenn Ali in unserer Werkstätte lernt und arbeitet?

Adam hat mehr auf seine Frau als auf Gott gehört. Es reizte ihn, wie Gott zu sein. Die Folge war der Fluch auf dem Erdboden und Mühsal, um das Essen zu verdienen. Der harte Ackerboden ist ein Bild für schwere Arbeit und für den Kampf um das Überleben. Diese Mühsal können Eltern ihren Kindern nicht ersparen, genauso wenig wie Sozialarbeiter den Armen. Das Ziel kann nur sein, die junge Generation stark zu machen für alle Tage des Lebens, das vor ihnen liegt.