Das eine Brot, eine geistliche Beziehung

Ruth Zenkert

Wo hast du Gemeinschaft in der Tiefe erlebt? Still und staunend.

Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf einen Fisch und Brot liegen.

Joh 21,9

Rudolf denkt an Amir. Ob er in Paris eine Arbeit finden wird? Ob er es schaffen wird, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen? Seine Gedanken kreisen um den jungen Syrer, der für ihn ein Freund geworden ist und ihn nicht mehr loslässt. Eine Nacht lang erzählte Amir, der bei Rudolf aufgetaucht war, seine Geschichte. Wie Amirs Familie in Frieden lebte, wie der Krieg hereinbrach und er Eltern und Haus verlor, wie er flüchtete und jetzt nur den einen Wunsch habe, arbeiten und leben zu können. Rudolf ist Pfarrer und hat sein Leben für seine Gemeinde hingegeben. Er war erfolgreich und beliebt, hat Jugendgruppen aufgebaut. Er hat viele Menschen begleitet, Schicksale mitgetragen. In der Pension wurde es still um ihn, fast einsam. Nun stand Amir vor ihm, eine kleine Überforderung. Rudolf fand einen Betrieb, wo Amir die Tischlerausbildung machen konnte. Der Junge strengte sich an, lernte Deutsch und schaffte den Abschluss. Er begann, Pläne für seine Zukunft zu schmieden. Dann brachte die Post den befürchteten Brief von der Fremdenpolizei. Der Asylantrag war abgelehnt, Amir musste innerhalb von dreißig Tagen das Land verlassen. Rudolf kämpfte um Amir, er knüpfte an alte Beziehungen an, um einzugreifen. Amir hatte alle Bedingungen erfüllt, um in Österreich aufgenommen zu werden. Er musste eine Chance bekommen, seine Zukunft anpacken können. Doch alle Antworten waren negativ. Rudolf suchte einen Weg, einen legalen gab es nicht mehr. Er riskierte viel, als er den Jungen nach Frankreich schleuste. Er fand Freunde aus seinen Jugendtagen, die Amir aufnahmen. Dort lebt er jetzt und versucht es aufs Neue. Sein Französisch-Wörterbuch hat Rudolf seinem jungen Freund mitgegeben. Ja, Amir ist nicht nur ein Schützling, er ist ein Freund geworden für Rudolf. Einer, der in seinem erfolgreichen Leben so viele Menschen um sich hatte, hat das schönste Geschenk der spannenden Beziehung bekommen, einen „Sohn“.

Der alte Pfarrer begegnet Jesus auf neue Weise, ähnlich wie die Schüler Jesu ihn nach der Auferstehung erlebt haben. „Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf einen Fisch und Brot liegen.“ Es sind nicht mehr die vielen Fische und die zahllosen Brote, die der irdische Jesus der Menge gereicht hat, sondern ein Fisch und ein Brot. Bemerkenswert, dass sie den Fisch nicht selber gefangen haben, sondern ihn überrascht auf dem Kohlenfeuer finden. Er ist ihnen geschenkt. Keine Öffentlichkeit, sondern eine zutiefst persönliche Nähe gibt der Auferstandene seinen Schülern. Von jetzt an sind sie mit Jesus nicht durch äußere Taten, sondern innerlich verbunden. Es ist eine geistliche Beziehung geworden, die sie mit Jesus haben. In „Geist und Wahrheit“ ist und bleibt er bei ihnen und sendet sie aus. Eine neue Art der Gemeinschaft, wie sie der Pfarrer im Flüchtling gefunden hat.

Wo hast du Gemeinschaft in der Tiefe erlebt? Still und staunend.