Das Dorf braucht den Bettler

Georg Sporschill SJ

Mit welcher Aufgabe möchtest du dein Leben beschreiben?

 
Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast.
Joh 17,4

 
Im ersten Augenblick glaubt man, er sei betrunken. Ioane schwankt beim Gehen weit nach rechts und links, hält aber doch das Gleichgewicht. Am Körper trägt er alle Kleidungsstücke, die er besitzt. In der kalten Jahreszeit sind es fünf Hosen, sieben Jacken und Mäntel, alles übereinander. Unter dem Arm hat er seine Emailschüssel für das Essen, davon gibt es eine blaue, eine grüne und eine rote. Dazu passend wählt er eine Schildmütze, die er quer auf den Kopf setzt. Ioane ist behindert, es heißt, er wurde als Kind immer wieder auf den Kopf geschlagen.
In der Romasiedlung hatte er bei seinem Bruder einen Platz in der überfüllten Hütte. Zusammengekrümmt schlief er nachts in einem Kinderbett, ohne Matratze. Wir bauten ein Zimmer für ihn an, zwölf Quadratmeter, mit einem Bett und einem kleinen Tisch. Ioane war stolz auf sein eigenes Zuhause. Bald schon aber war der Tisch weg, und eine Matratze lag auf dem Boden; ein junges Paar war bei ihm eingezogen, weil sie in der Hütte keinen Platz hatten.
Ioane kann keiner Arbeit nachgehen. Sein Essen bettelt er sich zusammen. Die Kinder in der Siedlung nannten Ioane „Gaga“, Trottel. Sie warfen ihm Steine nach und lachten, wenn er weinend wegrannte. Tagsüber sitzt Ioane an der Brücke, wo jeder vorbeikommt. Er grüßt alle, er freut sich, er lacht, er fragt, seine unbeschwerte Fröhlichkeit steckt an. Er gehört zum Dorfleben. Auch zu unserer Gemeinschaft gehört er. Morgens um sechs, im Sommer schon früher, kommt er, ein Schäferlied singend, und ruft so lange vor unserem „Rabenhaus“, bis ihm jemand die Türe aufmacht. Er bekommt einen Tee und wartet, bis die Kinder da sind und das Morgengebet beginnt. Ioane stammelt immer dieselben Worte. Er dreht die Augen zum Himmel, zeigt mit gekrümmtem Zeigefinger zur Decke und spricht direkt mit Gott. Als würde er ihn wirklich sehen. Die Kinder lachen nicht mehr über ihn. Sie haben ihm gezeigt, wie er mit der Gabel statt mit den Fingern essen kann. Wenn alle zur Schule und an die Arbeit gehen, nimmt Ioane seine Schüssel und seine Mütze und setzt sich an seinen Platz an der Brücke. Für alle, die vorbeikommen, wird er eine Frage und ein gutes Wort haben.

Der Bettler Ioane wird einmal wie Jesus vor Gott sagen können: „Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast.“ Dem Dorf gibt er eine menschliche Mitte. Für die Kinder ist er kein Trottel mehr, sie mögen ihn, ja sie ehren ihn mit Hilfsbereitschaft.
Was war das Werk, das Gott Jesus anvertraut hat? Was musste er als Messias in seinem irdischen Leben tun? Er hat Schüler um sich versammelt und mit ihnen die Grenzen des Judentums überschritten. Er führte sie in die Heidenwelt. Dort sollten sie von ihm lernen, zu heilen und eine Gemeinschaft zu gründen. Als sich das Netz um ihn zusammenzog und seine Passion in den Blick kam, konnte er vor Gott sagen: Das Werk, das du mir gegeben hast, ist vollendet.

Bettler und Messias: Mit welcher Aufgabe möchtest du dein Leben beschreiben?