Das Böse sehen und an das Gute glauben

Ruth Zenkert

Wo siehst du negative Entwicklungen? Wo begegnet dir Bosheit?

Der HERR sah, dass auf der Erde die Bosheit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war.
Gen 6,5

 

Tanti Maria steht neben der jungen Maria, mit strahlendem Gesicht singt sie mit der Fünfzehnjährigen das Lied von der Entführung aus dem Serail. Nicht von Mozart, sondern eine rumänische Variante. Viele Familien haben die wildromantische Szene auf einem großen Wandteppich im Zimmer hängen: der Liebhaber mit seiner gestohlenen Prinzessin auf dem Pferd. Bei Tanti Maria, unserer alten Nachbarin, gehen das Herz und wohl Erinnerungen an die Jugend auf, während die pubertäre Maria ihre abenteuerlichen Träume an die zuhörenden Burschen adressiert. Sie kommt aus einer völlig verwahrlosten Familie im Roma-Viertel und besucht nun das Gymnasium in Sibiu. Unsere einsame Nachbarin Tanti Maria kommt gerne in den Hof der Elijah-Gemeinschaft, zur Messe und zum Abendessen. Sie blüht auf mit den vielen Jungen. Und ist eine wichtige Brücke zwischen den Dorfbewohnern – „Rumänen und Zigeuner“. Sie haben einander ins Herz geschlossen.

Doch gestern kam sie mit einer Beschwerde. Ihr Ton wurde hart und bitter. „Meine Schwester hat gehört, wie die Kinder von euch sehr vulgär sprechen. Flüche und Ausdrücke, wie sie ärger nicht gehen. Da seht ihr, alles, was ihr für sie macht, ist umsonst. Es hat keinen Sinn, sie bleiben, wie sie sind. Schlecht und schrecklich!“ Kurzes Schweigen. Es stimmt, sie reden ziemlich derb, ohne selbst zu ahnen, was sie von sich geben. Florin, der selber ein Straßenkind war, ergriff das Wort: „Tanti Maria, du weißt, aus welchen Familien die Kinder kommen. Von ihren Eltern haben sie gar keine Erziehung. Sie hören nur Flüche und Streitereien. Unsere Kinder brauchen zuerst die Hitze der Liebe, denn die kleinen Herzen sind auf der Straße hart gefroren. Bei uns lernen sie eine andere Sprache, auch ohne sich zu schlagen. Aber es braucht viel Geduld. 77-mal sollen wir verzeihen, habe ich gehört. Du siehst, dass sie schon verändert sind. Langsam, langsam werden wir es schaffen. So werden wir Frieden im Dorf haben.“ Tanti Maria schaute ihn an, ihr finster erstarrtes Gesicht erhellte sich wieder.

Die alte Nachbarin hat mit ihrem Urteil recht. Sie beklagt, dass die fleißigen Sachsen weggezogen sind. Viele der Rumänen im Dorf sind alt, auch ihre Kinder sind in die Stadt gegangen. Und die Straßen sind voll mit Roma-Kindern, die zuhause kein Wasser und keine Ordnung haben dafür aber laute Musik, die ganze Nacht. Viele gehen nicht in die Schule oder gar zur Arbeit. Die fromme Tanti Maria fühlt mit Gott, wenn sie klagt, „dass auf der Erde die Bosheit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war“. Gott hat einen guten Blick. Am Anfang sah er, dass alles gut war – das Licht, das Wasser, der Himmel, das Land, die Pflanzen, Sonne und Mond, die Tiere. Und als er den Menschen geschaffen hatte, sagte er: Und siehe, es war sehr gut. Aber Gott ist realistisch. Er sieht auch das Böse und ist alarmiert durch schlechte Entwicklungen. Er schaut auf das Herz des Menschen, aus dem das Böse kommt. Wie kann er diese Härte aufweichen? Florin geht schon den nächsten Schritt – vom Sehen zum Handeln.

Wo siehst du negative Entwicklungen? Wo begegnet dir Bosheit?