Brutale Sprache kündigt das Ende an.

Ruth Zenkert

Wo lässt jemand seine Muskeln spielen, um anderen zu imponieren? Wo droht jemand mit Gewalt?

Lamech sagte zu seinen Frauen: Ada und Zilla, hört auf meine Stimme, ihr Frauen Lamechs, horcht meiner Rede! Ja, einen Mann erschlage ich für meine Wunde und ein Kind für meine Strieme.
Gen 4,23

Abendlicht fiel auf die verwunschene Ruine, ehemals die Schule der Siebenbürger Sachsen in Nou. Nach langen Verhandlungen mit dem alten Besitzer gehörte sie nun uns. Daraus sollte ein Sozialzentrum für die vielen verwahrlosten Roma-Kinder im Dorf werden. Mit dem rostigen Schlüssel öffnete ich das Hoftor, im Geist zogen schon die Kinder mit mir ein. Da läutete das Telefon. Eine ungestüme Stimme schrie so laut, dass ich das Handy vom Ohr weghalten musste. „Wie kannst du es wagen, die Schule zu kaufen? Das Haus gehört mir! Du kommst am Montag zum Notar und machst alles rückgängig!“ Es war der Sohn des alten Hausbesitzers, offensichtlich im Streit mit seinem Vater. Und er wollte nicht akzeptieren, dass wir das Haus rechtmäßig erworben hatten. Der Name des Vaters stehe zwar auf dem Papier, aber ihm gehöre das Haus, er wolle es sofort zurück. Er werde mir den Kopf abschneiden, weil ich ihn um das Geld gebracht hätte. Und er käme jetzt, es sei kein Spaß. War das nur eine Drohung oder musste ich mich schützen? Ich ging zu Nicu, einem Nachbarn. Er meinte, wenn Horst auftauche und Probleme mache, werde er ihn niederschlagen. Und zeigte mir seine feste Hand, eine Holzfäller-Pratze. Da kündigten Staubwolken schon das Kommen des Verrückten an. Er bremste seinen Jeep knapp vor dem Laternenpfahl. Breitbeinig stapfte er auf mich zu. Vom Beifahrersitz zwängte sich eine Dame in engem Rock aus dem Geländewagen. Ich begrüßte sie freundlich und ignorierte seinen westernhaften Auftritt. Zu schade für diesen groben Lackel, dachte ich mir. Er brüllte herum, schlug mit der Faust auf die Motorhaube seines Jeeps. Durch den Aufruhr kamen die Dorfbewohner aus ihren Höfen. „Ach, der wahnsinnige Horst!“ Sie rotteten sich zusammen und erhoben die Fäuste. Ich verschwand schnell und zog das Tor hinter mir zu. Horst habe ich nie mehr gesehen. Er sei nach Deutschland ausgewandert, weil er sich hier so viele Feinde gemacht habe, erzählte man später.

Der Weg der Gerechtigkeit führte weiter als die Gewalt. Ich weiß nicht, ob Horst zugeschlagen hätte oder ob er nur Lust an Angst und Schrecken hatte. Sicherlich war er ein verwundeter Mensch. Das Ceauşescu-Regime hat in allen Menschen Narben hinterlassen. Das Prahlen mit seiner Macht erwies sich als Zeichen des Untergangs. Wie bei Lamech, dem Nachkommen von Kain, der seinen Bruder erschlagen hatte. Gott hatte den Mörder „resozialisiert“, doch Lamech hatte nichts aus dem Fehler seines Vorfahren gelernt, hielt es vielmehr für notwendig, vor seinen Frauen für eine Kleinigkeit Rache zu schwören. Bis dorthin, dass er für eine erlittene Strieme ein Kind erschlagen wollte. Diese Gewaltphantasien sind das Ende der Familiengeschichte Kains.
Mit seiner Gewalttätigkeit vernichtete auch Horst eine große Familientradition. Achthundert Jahre lang waren Sachsen bis hin zu seinen Eltern die führenden Persönlichkeiten in Neudorf gewesen, wie Nou damals hieß. Jetzt hatte der letzte Sachse fluchend das Dorf verlassen.

Brutale Sprache kündigt das Ende an. Wo lässt jemand seine Muskeln spielen, um anderen zu imponieren? Wo droht jemand mit Gewalt?