Brüder – Schwestern

Josef Steiner

Wie ist mein Verhältnis zu den Geschwistern?

Da redete Kain mit Abel, seinem Bruder. Als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain gegen Abel, seinen Bruder, und tötete ihn.
Gen 4,8

Kindheitserinnerungen. Mein Vater hatte Glück. Als Erstgeborener eines Bauernhofes wurde er während der Hitler-Diktatur zwar zur Musterung der Wehrfähigen eingezogen, musste aber dann nicht in den Krieg. Er durfte auf dem Hof bleiben, wurde in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 sechsfacher Vater. Die tägliche Nahrung, bestehend aus selbstgebackenem Brot, Kartoffeln und Milch, bewahrte die Familie vor Hunger, niemand musste fliehen oder war besonderer Drangsal ausgesetzt. Kleine Spuren des Krieges zeigten sich in ein paar russischen Gefangenen, die als Zwangsarbeiter ins Dorf kamen, oder in der zeitweisen Pflicht zur Verdunkelung der Häuser, wenn Flugzeuge mit Bomben über die Alpen flogen. Hörbar waren nur die Detonationen, wenn manche ihre Zerstörungswaffen in den Gletscher abwarfen, um nicht an den Bergen zu zerschellen. Der Vater, eher behütet in schweren Zeiten und bewahrt vor den Schrecken des Krieges.

Nicht so sein um vier Jahre jüngerer Bruder. Ausgebildet als Schuhmacher, wurde er in die Wehrmacht eingezogen. Auf einem alten Foto schaut er aus einem Zug, der in Richtung Russland unterwegs ist. Immer dem Heer nachziehend, übte er in der „Etappe“, so nannte man das Gebiet hinter der Front, sein Handwerk aus. Was er dabei in Russland und gegen Ende des Krieges in Griechenland gesehen hat, machte ihn sprachlos. Nie erzählte er davon, ausgenommen von seiner abenteuerlichen Flucht am Ende des Krieges aus Griechenland über Jugoslawien in die Osttiroler Heimat. Ausschließlich zu Fuß, nachts, Täler, Dörfer und Städte meidend, auf schwierigen Gebirgspfaden unterwegs, bedroht von Partisanen und in der Heimat dann von Soldaten der britischen Besatzungsmacht, hungernd und frierend. Eines Tages stand er dann vor dem elterlichen Bauernhaus, ein ausgemergelter, wie ein Skelett aussehender, furchterregender Mann – so die Worte seiner Schwester. Und es blieb für den Bruder des Vaters weiter schwer. Zwei kleine Räume im abgelegenen Bauernhof als Arbeits- und Lebensraum wurden bald für eine Familie mit zwei Kindern zu klein. Der Versuch, ein eigenes Haus zu bauen, endete nach dem Aushub. Das Geld fehlte. Die Spannungen im Elternhaus wurden größer, Streit und Auseinandersetzungen der Brüder immer lautstärker. Am Ende stand der Auszug in eine ebenso kleine, aber wenigstens im Dorfzentrum gelegene Wohnung im Feuerwehrhaus. Zwei ungleiche Brüder, der Stärkere hat dem Schwächeren das Leben nicht leichter gemacht.

Die Bibel deutet den Unterschied zwischen Kain und Abel in ihren Namen an. Kain – übersetzt mit Schwert, Lanze, Speer – signalisiert eine Veranlagung zu Stärke, zum Kämpferischen, bis hin zur Gewalttätigkeit. Abel – übersetzt mit Hauch, Atem, Vergänglichkeit – signalisiert eine Veranlagung zu Schwäche, Zerbrechlichkeit, Nachgiebigkeit. Kain hat Besitz, Boden, Heimat. Abel ist viel unterwegs, auf der Suche nach Weide. Gott prüft den Starken, er traut ihm zu, seine Stärken für die Schwachen und nicht gegen sie einzusetzen. Kain besteht die Prüfung nicht. Er mordet den Schwachen.