Bricht ein Stern aus der Krone Europas?

user

Bedrohung des Friedens fordert Kreativität.

Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.

Joh 18,36

Der Brexit bewegt die Gemüter Europas. No Exit from Brexit! Immer neue Schlagwörter. Was hat die Wähler dazu bewogen, gegen den Verbleib in der EU zu stimmen? Versteckte sich hinter dem Referendum ein riskanter Schachzug der Briten, um weitere Privilegien herauszuschlagen? Offensichtlich nutzten viele Menschen die Wahl als emotionales Ventil. Verschiedenste Ängste – vor Flüchtlingen, vor dem Verlust politischer Unabhängigkeit -, Wut auf die Banken und das Finanzzentrum London verdichteten sich im Kreuz auf dem Wahlzettel. Das Projekt eines gemeinsamen Europa berührt zu wenige Herzen. Begonnen hatte dieses Projekt aus der bitteren Notwendigkeit, den Frieden innerhalb Europas zu stabilisieren. Der Zusammenschluss der Kohle- und Stahlproduktion Frankreichs und Deutschlands sollte einen erneuten Krieg „nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich“ machen, wie es Robert Schuman in seiner historischen Rede vom 9. Mai 1950 formulierte. Motiviert und leitet dieses Ziel die Europäische Union, ihre Staaten und ihre Bürger bis heute?

Bricht ein goldener Stern aus der Krone Europas? Werden weitere folgen? Der Kreis der zwölf Sterne steht – laut offizieller Erklärung – „für die Werte Einheit, Solidarität und Harmonie zwischen den Völkern Europas“ und ist daher frei von religiöser Ideologie. Die Flagge wurde nach jahrelangen Diskussionen am 8. Dezember 1955 für den Europarat eingeführt und 1983 vom Europäischen Parlament für die Europäische Gemeinschaft übernommen. Es mag Zufall sein, doch der Kranz von zwölf Sternen hat auch einen kulturgeschichtlichen Hintergrund im biblischen Buch der Apokalypse: „Und es erschien ein gewaltiges Zeichen am Himmel: eine Frau, bekleidet mit der Sonne, und der Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.” Das mythische Bild der von Gestirnen umgebenen Frau wiederum hat Vorläufer in der altorientalischen Göttin Ischtar und in der ägyptischen Isis. Nach der biblischen Apokalypse gebiert sie im dramatischen Kampf gegen die Mächte des Bösen unter Schmerzen einen Sohn, der alle Völker in seinem Friedensreich regieren soll. Ein großer, feuerroter Drache will das Neugeborene verschlingen, doch Michael und seine Engel ziehen in den himmlischen Kampf gegen den Drachen. Das Kind steht für Christus. Sein Reich ist nicht von dieser Welt – und wirkt doch in ihr.

Geburt heißt äußerste Anstrengung und Schmerz, aber auch größtmögliche menschliche Kreativität. Wir befinden uns – wie nach dem Zweiten Weltkrieg – in historischen Umbrüchen, in denen Friede und Sicherheit auf dem Spiel stehen. Weltweit agierende Terrororganisationen machen uns bewusst, dass diese Herausforderung nicht mehr nur innerhalb Europas bewältigt werden kann. Der Auftakt der Rede Robert Schumans bekommt daher heute einen neuen Klang: „Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.“