Brennende Herzen auf der Highline

Dominik Markl SJ

Die Kirche findet ihren Sinn, wenn sie dem Wagnis des Lebens in seiner Widersprüchlichkeit Raum gibt.

So sollte sich das Wort Jesu erfüllen, mit dem er angedeutet hatte, auf welche Weise er sterben werde.

Joh 18,32

Erstaunliche Szenen spielen sich dieser Tage in der Innsbrucker Jesuitenkirche ab. Zum Herz-Jesu-Fest hat der Tiroler Landtag wiederum das Landesgelöbnis erneuert, 220 Jahre nachdem sich die Tiroler 1796 gegen die Napoleonischen Truppen verschworen. Bis heute marschieren die Tiroler Schützen in historischen Trachten in der Kirche auf, als stünden die französischen Truppen gleich (hinter der neuen Mauer?) am Brenner. Wie mögen sich Tiroler Landtagsabgeordnete heute fühlen, wenn sie das feierliche „Auf zum Schwur, Tiroler Land“ singen, Herz und Hand zum Himmel erheben, um „aufs neue, Jesu Herz, dir ewge Treue“ zu schwören? Patriotisch ergriffen? Peinlich berührt? Seltsam ambivalent? Die Inszenierung ist in historischen Formen erstarrt, eine museale Performance, die das Herz von Ethnologen höherschlagen lassen könnte. Dennoch beeindrucken die Trachten und Symbole bis heute mit ihrer bizarren Mischung aus historisch-realistischer Kriegsausstattung und barock feinsinniger, gefühlsbetonter Herzsymbolik. Christus, unseren demütigen Friedenskönig, aus dessen Seite – am Kreuz erhöht – Blut und Wasser flossen, der uns gewaltlos sein brennendes Herz entgegenhält, ihn werden wir weiterhin mit Säbel und Flinte verteidigen, bis zum Letzten Schuss.

Nun, eine Woche später, steigt ein andersartiges Event auf und in derselben Jesuitenkirche. In der langen Nacht der Kirchen balancieren Jugendliche zwischen den beiden Turmspitzen, dann auch im sonst unberührbaren architektonischen Zentrum des barocken Kirchenraums: zwischen Kuppel und Altar. Die Slacklines sind gespannt, die Nerven und Muskeln auch. „Tanz der Unterscheidung“ heißt das Projekt, das die Jugendlichen mit ihrem Leiter Max Heine-Geldern und Choreograph Gerhard Egger entwickelt haben. Auf der Highline und im Tanz erleben sie körperlich die Grundspannung geistlicher Unterscheidung. Die höchste Kunst des spirituellen Lebens, zwischen Aufbauendem und Zerstörerischem zu unterscheiden. Die feinen Nuancen zu spüren, was mir guttut, auf lange Sicht, und was mich gefährlich hinunterzieht. Es braucht eine feine Sicherungsleine, aber vor allem Mut, den ungewissen Raum der Zukunft zu betreten. „Sich bei jedem Schritt die Zeit zu nehmen um sich zu orientieren, sein Gleichgewicht zu finden und sich dann darauf zu verlassen; darum gehts“, sagt David. Und Letizia: „Im Tanz wurde für mich spürbar, wie tief Leib und Seele verbunden sind.“ Lucas: „Das Projekt hat mich wiederbelebt, seelisch bestärkt, und ich habe Freude am Tanzen gefunden.“

Beides hat Platz in der Kirche: die althergebrachten Traditionen und das Wagnis junger Menschen, in eine neue Zeit zu balancieren. Die Kirche findet ihren Sinn, wenn sie dem Leben in seiner Widersprüchlichkeit Raum gibt. Sie ist dazu da, irdischer Lebensraum zu sein, der spüren lässt, wie wir in himmlisches Geheimnis verwoben sind. Oder, wie Gerard Manley Hopkins es verdichtete: „There lives the dearest freshness deep down things“. „Köstlichste Frische lebt tiefinnerst allen Dingen.“