Blinde Liebe

Max Heine-Geldern SJ

 

Warum musste mir das geschehen? Wohin will ich gehen?

Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.

Johannes 20,20

Kaum hatte ich die Türschwelle überschritten, eröffnete sich mir eine kleine Oase mitten in Innsbruck. Jutta hatte ihre Wohnung mit viel Liebe eingerichtet. Licht füllte den Raum, brach sich in den bewusst platzierten, spiegelnden Oberflächen und warf seine Spektralfarben an die weißen Wände. Eine Lebendigkeit, die von zahlreichen Pflanzen ergänzt wurde. Und wo man hinblickte: Bücher – wohl sortiert und beschriftet. Sie lassen erahnen, was Jutta begeistert: Philosophie, Kunst und vor allem die Sprache, das Wort. Ein willkommener Ort für mich als Ausgleich zur Jugendarbeit. Hier konnte ich meine Erfahrungen reflektieren, meine Freuden und Fragen teilen, sowie einfach durchatmen. Jutta war mir dabei eine Freundin, die sich nicht scheute, meine Antworten und Eindrücke zu hinterfragen. Immer wieder forderte sie mich auf, genauer hinzusehen, nicht nur im Kopf verhaftet zu bleiben, sondern auch in das Erlebte hinzuspüren. Dementsprechend hörte Jutta nicht nur zu, sondern war mit ihrer ganzen Präsenz da und schaffte gerade so einen Freiraum. Besonders beeindruckte mich, wie sie mir ohne Scheu in die Augen blickte.

Dabei ist Jutta blind. Eine Folge ihrer Hirnblutung vor 25 Jahren. Seitdem leidet sie an Epilepsie. Schmerzen sind zu ihrem ständigen Begleiter geworden. Manchmal schienen mir unsere Gespräche beinahe surreal, handelten sie doch oft über Vertrauen und Liebe. Sind diese Begriffe nicht viel zu aufgeladen, angesichts der offensichtlichen Härten des Lebens? Schon als Jutta noch völlig gesund und sehend war, setzte sie sich in ihren Studien mit der Liebe auseinander. Vor allem als ein Erkenntnisinstrument. Ihre damaligen Lehrveranstaltungen waren gut besucht. Sie war beliebt. Aber war sie auch geliebt? Diese Frage trieb sie vor sich her, bis sie auf der Intensivstation ein Gedanke mitten ins Herz traf: „Gott sei Dank: Du hast überlebt. Denn du wärst erbärmlich – zum Erbarmen – gestorben, weil du nicht gewagt hast zu lieben.“ Diese Einsicht schenkte ihr ein neues Leben, ein Leben aus einem tiefen Vertrauen heraus, das sie letztlich in Gott aufgehoben findet. Selbst ihre Wunden können ihr diesen Frieden nicht nehmen. Nicht mehr das Warum ihres Schicksals dominiert, sondern ein vertrauensvolles Wohin, das sie mit Gelassenheit für sich selbst, für die Welt und ihre Mitmenschen öffnet.

Durch ihr Lebenszeugnis wird für mich die Begegnung der Jünger mit Jesus lebendig. An seinen Händen und seiner Seite sehen sie die Spuren von Leid und Tod. Aber sie erleben ihn mitten im Leben, vom Frieden sprechend. Die biblischen Erzählungen schweigen nicht über die Zweifel der Jünger. Schritt für Schritt lösten die österlichen Erfahrungen ihr Kreisen um das Warum der Ereignisse hin zu einem Einlassen auf das, wohin sie geführt haben, auf die Gemeinschaft mit Gott.

Juttas Zeugnis ließ mich erleben, dass wir zu einer Liebe befähigt sind, die nicht mehr nach Bestätigung fragt. In der die Frage nach dem Warum zur Nebensache wird. Die sich in einem Vertrauen zeigt, das selbst offensichtlich starken Schmerzen trotzt. Meine Auszeiten in dieser kleinen Oase lösten meinen Blick vom Warum meiner Erlebnisse hin zum Wohin meiner Handlungen.