Bleibend gültig

Josef Steiner

Wer zu einem Menschen oder zu einer Sache treu steht, hat etwas zu erzählen.

Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid.

Johannes 15,27 

Es waren vier besondere Tage bei meinem Lehrer und Freund Wolfgang. Sein Geist hatte sich in den letzten Jahren verdunkelt, sein Gedächtnis war immer bruchstückhafter geworden und sein Reden hatte sich auf kurze, formelhafte Sätze verdichtet. Trotzdem blitzten in diesem Stadium des Abschiednehmens von vielem und vielen bei unseren gemeinsamen, vorwiegend schweigend verbrachten Stunden im Wohnzimmer, auf dem Weg zu Arztbesuchen und bei kurzen Spaziergängen die Wolfgang von Anfang an prägenden Eigenschaften und Verhaltensweisen auf. Seine Güte und Sanftmut. Im Gegensatz zu Arno Geigers Vater, wie dieser ihn in seinem berührenden Buch „Der alte König in seinem Exil“ beschreibt, der gegen manche Betreuerin auch einmal harte und verletzende Worte äußert, ist Wolfgang nie aggressiv, bockig oder beleidigend. Kein Wort der Klage oder des Jammerns, keine Wutausbrüche oder Gewalttaten. Seine Intelligenz und Weisheit. Ich erinnere Wolfgang an die vielen Bücher, die er geschrieben hat, an die Beiträge in Zeitschriften, vor allem an seinen genialen Kommentar zum Johannesevangelium. Darauf er: „Na ja, Kommentar ist übertrieben, aber ich habe dazu etwas geschrieben, da hast du Recht.“ Und nach einem langen Schweigen: „Toll ist, wie viel und was Menschen machen können, wenn sie eine Beziehung haben – in dem Fall zu Jesus.“ Seine Treue und Verlässlichkeit. Wir begleiten seine Frau, die in einem Gospelchor eine tragende Rolle spielt, zur Chorprobe. Alle zehn Minuten steht Wolfgang auf, geht nach vorne und hält Ausschau nach ihr. Er kehrt zu mir zurück mit immer denselben Worten: „Ich glaube, sie ist es; ja, zu neunzig Prozent bin ich mir sicher, sie ist es.“ Seine Sensibilität und Hilfsbereitschaft. Einmal schaut er mich an und sagt ganz unvermittelt: „Wie geht es dir? Du schaust so gesund aus, so braun im Gesicht. Also ist es ein Gerücht, dass du es schwer hast. So sagen sie.“ Und als ich ihn an unsere erste Begegnung vor fünfzig Jahren im biblischen Seminar der Universität Innsbruck erinnere, wie er mich fragte, was ich hier arbeite und ob er mir helfen könne, sprach er mich zum ersten und einzigen Mal in diesen vier Tagen mit dem Vornamen an: „Josef, du kannst es gut mit den Menschen“ – und nach einer langen Stille – „und du umsorgst sie.“ So schloss sich der Kreis unserer Freundschaft mit einem Wechsel der Rollen.

Warum haben wir schriftliche Zeugnisse von Erlebnissen mit Jesus? Weil von Anfang an Frauen, Männer und Kinder mit ihm gingen, von ihm lernten und mit ihm kämpften und litten. Diese Frauen und Männer sind Jesu bleibendes Werk. Von ihnen kann er gegen Ende seines Lebens sagen, dass sie bleibend gültig von ihm Zeugnis ablegen können, „weil ihr von Anfang an bei mir seid“. So ist Jesus „Fleisch“ gewordene Erzählung seiner ersten Schülerinnen und Schüler. Wer zu einem Menschen oder zu einer Sache treu steht, hat etwas zu erzählen.