Bleiben leicht gemacht

Josef Steiner

Nicht alle Menschen sind gleich begabt. Darum gibt es unterschiedliche Wege zum Glück. Welchen darf ich gehen?
Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.
Joh. 15,10 

Einst weihte man in der Synagoge von Chortzkow – dem heutigen Tschortkiw im Westen der Ukraine – eine neue Thorarolle ein: die Rolle mit den fünf Büchern Mose, die auch sechshundert und dreizehn Weisungen zu einem guten Leben enthalten. Rabbi David Mosche – einer der Größten in der Dynastie der Chortkover Rabbis – hielt die Thorarolle in den Händen und freute sich an ihr. Da sie aber groß und sichtlich sehr schwer war, trat einer der Schüler zu ihm und wollte sie ihm aus der Hand nehmen. „Wenn man sie erst hält“, sagte der Rabbi, „ist sie nicht mehr schwer.“

So sehr Jesus von seinen engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern alles an Zeit, Engagement und Begabung verlangt, so sehr erleichtert er für jene, die nicht in seiner Lebens- und Lerngemeinschaft sein können, die Wege, ihm nachzufolgen. Deshalb hält er auf einem Hügel am See Genezareth – schon äußerlich viel niedriger als der Berg Mose in der Wüste Sinai – in einer Art Volkshochschule ein Kurzseminar zur Einführung in seine Lebensphilosophie und in seine Verhaltenstherapie. Er zeigt den vor ihm sitzenden und lauschenden Menschen – den Armen, den unter verschiedensten Gebrechen Leidenden, den Ermüdeten und den von lästigen Geistern Geplagten –, wie sie den Weisungen Gottes folgen können. An einigen Beispielen aus den Zehn Geboten erläutert er seine Sicht. Zum fünften Gebot „Du wirst nicht töten“ rät er: Im Verhalten zum Nächsten keinen aggressiven Gefühlen wie Zorn und Rachegelüsten Raum geben, in der Kommunikation und im Reden miteinander keine beleidigenden Worte gebrauchen, und vor allem dem Gegenüber nicht Würde und Respekt als Geschöpf Gottes absprechen. Zum sechsten Gebot „Du wirst nicht die Ehe brechen“ empfiehlt er: Im Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht auf die eigenen Augen und Hände achtzugeben. Gute, gütige Augen und zarte, hilfreiche Hände sind ein starkes Fundament für eine Beziehung. Von gierigen, falschen Augen und von gewalttätigen, zuschlagenden Händen sollen sie sich trennen; sie hinterlassen nur Enttäuschung und Katastrophen. Und zum achten Gebot „Du wirst nicht lügen“ stellt er fest: Ihr Reden soll klar und eindeutig sein, sowohl wenn sie einer Sache zustimmen als auch, wenn sie sie ablehnen. Ja und Nein genügen; seid Menschen mit klaren Worten.

So vereinfacht und interpretiert Jesus die Gebote Gottes für die Menschen, die vor ihm sitzen, die er berühren und denen er etwas für ihren Alltag mitgeben will. Seine Zusage gilt: „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben.“ Das genügt. Es gibt verschiedene Weisen, mit Jesus solidarisch zu sein. Nicht alle Menschen sind gleich begabt. Darum gibt es auch unterschiedliche Wege zum Glück. Welchen darf ich gehen?