Bis zum letzten Atemzug

Josef Steiner

Mit welchem Wort möchte ich mich in der Todesstunde von den Meinen verabschieden?

 
Aber jetzt gehe ich zu Dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.
Joh 17,13

 

Sein letztes Wort ging um die ganze Welt. Sechsundzwanzig Jahre und fünf Monate hatte er die katholische Kirche mit Charme, Strenge, geistiger Wachheit und schauspielerischem Talent geführt. Die letzten Jahre dann gezeichnet von schwerer Krankheit, die er bewusst nicht verbarg: Einem Millionenpublikum mutete er zu, die schwerste Etappe seines Lebens mitzugehen, mitzuleiden. Vor seinem endgültigen Todeskampf schrieb er mit zitternder Hand auf einen kleinen Zettel als Dank an seine ihn bis zum Schluss pflegenden polnischen Schwestern die Worte: „Ich bin froh – seid ihr es auch.“ Geistig wach bis zuletzt, voller Hingabe an sein Schicksal, ergeben – wie er es nannte – „in den Willen Gottes“, ist in diesem Wort sein Lebensprogramm als Führungsgestalt der Katholiken verdichtet. Bis zum letzten Atemzug wollte er die Menschen seiner Umgebung mit der Heiterkeit seines Wesens anstecken, ihnen den aus seinem Vertrauen und Glauben fließenden Lebensmut und die hoffende Grundeinstellung zum Leben zusprechen, ihnen Anlass zur Freude und Erleichterung sein. Ein starkes Lebensprogramm.

In dieser berührenden Geste aus dem Sterbezimmer hat sich Johannes Paul II. mehr als in manch anderen Bereichen seiner Arbeit als wahrer Schüler Jesu gezeigt. Denn Jesus hat in seiner Personalakte unter der Rubrik „Beruf“ den biblisch am meisten geschätzten Beruf „Freudenbote“ eingetragen. Auf solche wartete sein Volk zu jeder Zeit, ihre Füße waren „willkommen“, nach ihnen schauten die Menschen aus. Und wurden nicht enttäuscht. Als die assyrischen Besatzungstruppen mit dröhnenden Stiefeln und wehenden Soldatenmänteln das Land terrorisierten, trat ein Mann auf mit der Freude verbreitenden Nachricht, dass der Unheilstifter entmachtet sei und das Land nicht mehr durchstreife. Als sein Volk resigniert und fern der Heimat im babylonischen Exil darniederlag, richtete es ein Freudenbote mit der Eröffnung auf, dass sich die politischen Kräfteverhältnisse verändert hätten und eine Rückkehr in die Heimat, in Gewohntes und Vertrautes möglich sei. Aufgrund dieser biblischen Sehnsucht wusste sich Jesus von Anfang an dem verpflichtet, was biblische Stimmen und gute Boten bei seiner Geburt ankündigten: dass mit ihm die Grundstimmung der Freude in der Welt neue Nahrung erhalten würde. Darum waren seine Schritte und die seiner Schülerinnen und Schüler so beliebt, weil sie in die Häuser, Städte und Parteien Ausgleich, Kommunikation, Freundlichkeit und Befriedung brachten. Dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das weiter tun konnten, dafür hat er ihnen die Füße gewaschen und sie mit seinen letzten Worten erfüllen und stärken wollen. Er wusste, dass er bald sterben und in den Frieden zu seinem Vater zurückkehren würde. „Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.“

Mit welchem Wort möchte ich mich in der Todesstunde von den Meinen verabschieden?