Besser einen Menschen opfern als alle?

Georg Sporschill SJ

Der Entschluss, jemanden wegzuschicken, ist schmerzlich, führt aber vielleicht aber zu Neuem.

Als die Hohenpriester und ihre Diener ihn sahen, schrien sie: Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm!

Joh 19,6a

„Nein, ich halte das nicht mehr aus! Ich gehe!“ Unserer französischen Volontärin standen die Tränen in den Augen. Am Abend zuvor hatte sie vergebens versucht, die Mädchen ins Bett zu bringen. Weit nach Mitternacht noch jagten sie durch den Garten, schüttelten die halbreifen Früchte von den Bäumen, traten den Lavendel nieder. Durchdringendes Gekreische schallte durch die Nacht, bis ich die Störenfriede ins Zimmer scheuchte. Dort ging bei der folgenden Kissenschlacht die Nachttischlampe zu Bruch. Entsprechend schwer hatte es die Volontärin, die übermüdeten Mädchen in der Früh aus den Federn zu bringen.

Aufgewühlt war unsere brave Mädchenschar, seit wir Laura aufgenommen hatten. Ihre Eltern waren zum Ernteeinsatz nach Deutschland gefahren und hatten sie zurückgelassen. Schon vorher hatte es zwischen Vater und Mutter immer wieder Streitereien gegeben. Würden sie zusammenbleiben, würden sie zurückkommen? Hier im Dorf erwartete sie ein armseliges Haus, das renoviert werden musste. Laura war ein ungeliebtes Kind, sie störte und zerstörte. Selbst wenn sie mit dem Hund spielte, umklammerte sie ihn grausam stürmisch, bis er sich befreite und ihr dabei die Lippe blutig biss. Die kleine Narbe war ein Symbol für die ganze Not des Ungeliebtseins. Nicht nur die Französin, auch die Kinder wollten sie los sein. An diesem Morgen gab ich dem Druck nach. Wir rangen uns durch, sie zur Großmutter zu schicken, wohl wissend, dass dort erbärmliche Zustände herrschten. Wir waren an unsere Grenzen gekommen. Sollte die ganze Gemeinschaft zerstört werden? Wir konnten diesem Mädchen nicht helfen. Als ich ihr schweren Herzens sagte, sie müsse zur Großmutter gehen, schaute sie mich mit großen Augen an, ohne ein Wort zu sagen, ihre verletzte Lippe zitterte. Dann ging sie in ihr Zimmer und packte. Zwei Tage später starb ihr Onkel. Die Großmutter war froh, diesen Schmerz nicht alleine tragen zu müssen. Vielleicht war die Nähe der Enkelin eine Hilfe in den schweren Tagen.

Aus Sorge um die Gemeinschaft mussten wir Laura wegschicken. Aus demselben Motiv hatte der Hohe Rat in Jerusalem, die religiöse Autorität Israels, den Plan gefasst, Jesus umzubringen. Der Unruhestifter, der das Volk in der ohnehin gespannten Besatzungszeit in Gefahr brachte, sollte „entsorgt“ werden. Das Argument des Hohepriesters gegenüber seinen Kollegen, „dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht“ (Joh 11,50), ist nachvollziehbar. Deshalb schrien die religiösen Anführer, als sie den Dornengekrönten vor dem Richterstuhl sahen: „Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm!“ Das Weitere erzählt die Geschichte des entstehenden Christentums.

Der Entschluss, den Störenfried wegzuschicken, ist schmerzlich, führt aber vielleicht zu Neuem. Wann musstest du jemanden wegschicken?