Beschreibe deinen Garten!

Georg Sporschill SJ

Welche Liebe, welches Kind, welche Aufgabe ist dein Garten, wo du Freude, Arbeit und Verzweiflung aushältst?

An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war.
Joh 19,41

Am liebsten hatte Ionuz, obwohl er nicht leicht damit ging, die zu großen Gummistiefel an, weil er damit in die Pfützen springen und alle anspritzen konnte. Er war begeistert, wenn wir lange Wanderungen auf die Hügel über dem Dorf machten. Ich spürte seine kleine Hand, mit der er sich an meiner festhielt. Manchmal musste ich ihn schleppen, wenn er nicht mehr wollte, manchmal war er es, der mich ungestüm zog. Wir liefen durch die blühenden Wiesen und jagten Schmetterlingen nach. Zuhause kochten wir gemeinsam Spagetti, bis der Rest der Wandergruppe endlich eintrudelte. Ionuz war von seinen Eltern im Dorf zurückgelassen worden; sein Vater war vor einigen Jahren mit den zwei größeren Schwestern und einer neuen Frau nach Frankreich gegangen. Und die Mutter hatte mit einem anderen Partner drei Kinder, da war kein Platz für Ionuz. Der betrunkene Onkel brachte ihn zu uns. Wenn ich auf unseren Ausflügen meinen kleinen Begleiter fragte: Wer ist dein Vater?, hoffte ich insgeheim, dass er antworten würde: Du! Er aber sagte ganz selbstverständlich: Jesus ist mein Vater.

Es gab viele schöne Augenblicke mit ihm, doch oft brachte Ionuz uns zur Verzweiflung. In der Hausgemeinschaft quälte er seinen kleinen Zimmergenossen so sehr, dass der heulend zu mir kam und weglaufen wollte. Er stahl den Mädchen die Armbändchen. Er schlug mit dem Schürhaken um sich. Die Lehrerin rief an, weil er eine Scheibe in der Schule eingeschlagen hatte. Er prügelte Kinder. In der Früh ging er mit der Schultasche brav von uns weg, aber nicht in die Schule, sondern zum Onkel. Bis wir ihn schweren Herzens vor die Wahl stellen mussten: Entweder gehst du in die Schule und kannst bei uns bleiben, oder du gehst zum Onkel in die Hütte. Dort ist es kalt und schmutzig. Du wirst hungern. Ionuz ging. Manchmal sehe ich ihn auf der Straße, ganz blass mit schmalem Gesichtchen. Er geht nicht mehr in die Schule, ist voller Dreck und Läuse. Mir tut das Herz weh. Aber Ionuz schaut mich mit klaren Augen an. Er ist nicht beleidigt, weil er gehen musste. Er nimmt mich an der Hand und geht einige Schritte mit mir. Er scheint nicht unglücklich zu sein, obwohl ich mir das gar nicht vorstellen kann. Willst du am Sonntag wieder mit mir auf unseren Hügel laufen?

Die Erziehung des Streuners ist der Garten, der mir anvertraut wurde. Ihn soll ich bearbeiten und hüten. So lautet der Auftrag, den der Mensch für den Garten Eden erhielt. In der Erziehung erleben wir die Wonne des Paradieses. Aber Erziehung ist auch Mühe, Überfordertsein, Aufgeriebenwerden. Verlassenwerden. Abschied als Sterben wie im Garten Gethsemane, wo die Passion begann. Sie endete in der Auferstehung, die wieder in einem Garten geschah. Ionuz führt mich in den Garten Eden, in den Garten am Ölberg. Und obwohl ich es nicht erklären kann, sehe ich ihn mit Hoffnung. Einige Tage später stand er wieder an unserem Tor, abgemagert und übermüdet. Er zog wieder zu uns.

Welche Liebe, welches Kind, welche Aufgabe ist dein Garten, wo du Freude, Arbeit und Verzweiflung aushältst?