Bergender Übergangsraum

Max Heine-Geldern SJ

Wenn äußere Räume innere Räume freilegen

„Noach ging also mit seinen Söhnen, seiner Frau und den Frauen seiner Söhne in die Arche, bevor das Wasser der Flut kam.“
Gen 7,7

 

In normalen Zeiten bewegen sich Zehntausende täglich vom Nürnberger Bahnhof entlang der Königstraße ins historische Stadtzentrum. Rechts und links werden die Fußgänger von schrillen Werbereklamen umworben. Marktstände und Straßenkünstler wettern mit lauten Rufen und scharfen Düften um Kundschaft. Im Winter lockt der weltberühmte Christkindelmarkt Massen von Touristen. Mitten in diesem städtischen Gedränge liegt nahe beim Stadttor die kleine romanisch-gotische Kirche St. Klara. Als Citykirche möchte sie in den Dialog mit den vorbeieilenden Menschen treten. Vor ihren geöffneten Toren sitzt Hiob in Bronze gegossen, von seinem Schicksal gebeugt, die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes wachhaltend.
Wer über die Kirchenschwelle tritt, wird sanft in eine dunkle Kapelle geführt. Die Wand verläuft spielerisch entlang konvexen und konkaven Linien. Zur Decke hin wölbt sie sich in den Raum hinein. Ihre komplexe Geometrie meistert sie mit aufeinandergelegten anthrazitfarbenen Holzschichten, die unregelmäßig von flachen Glasplatten unterbrochen werden. Der schwarze Granit des Fußbodens rundet die bergende Atmosphäre des Raumes ab. In der Mitte steht an der Wand eine gotische Marienfigur, deren Gewandwurf die geschwungenen Linien aufnimmt. Moderne Architektur und mittelalterliche Kunst konkurrieren hier nicht, sondern heben einander hervor. Zu Füßen der Madonna wölben sich einige Schichten weiter nach außen und bieten Platz für kleine Teelichter. Zahlreiche flackernde Flämmchen zeugen von hunderten Menschen, die hier bei Maria mit dem Kind täglich Zuflucht nehmen. Der mütterlichen Fürsprache vertrauen sie ihren Alltag, ihren Dank oder Hiobs Fragen an.

Von sanften Linien berichten die architektonischen Bauangaben der Arche nicht. Sie beschreiben eher einen klobigen, hölzernen Kasten. Doch seine Maße lassen zahlreiche Bezüge auf das Zelt der Begegnung und den Tempel zu. Alle drei Bauwerke bieten dem Menschen Schutz und Heil. Sie dienen der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Die Zeit der Flut ist nun gekommen. Noach sucht mit seiner Familie Schutz in der Arche. In der christlichen Lesart wird die Erzählung der Sintflut als Typus für die Taufe betrachten. Gott schließt mit dem Menschen einen neuen Bund. Wie Maria erwählt er dafür einen Menschen, der in seinen Augen ein Gerechter ist. Wie sie gehorcht Noach dem göttlichen Willen, der ihm Unvorstellbares verheißt. So kann die Arche Gottes Wort behütet und sicher wie in einem Mutterschoß zu neuem Leben tragen.

Auch die kleine Marienkapelle dient als bergender Übergangsraum. Sie schützt vor der Flut des Alltags, in dessen Sog sich viele Menschen oft wie Getriebene fühlen. In ihrer Zärtlichkeit kann der Eintretende durchatmen und auf den Geist Gottes hören. Vor Marias Angesicht, dem Urbild der Kirche, kann der Betende sich auf seine Würde als Tempel Gottes besinnen, der mit ihm in der Taufe einen ewigen Bund geschlossen hat. Auch diese Verheißung ist unvorstellbar und birgt doch neues Leben mitten im Alltag in sich.