Bereichernde Schwäche

Max Heine-Geldern SJ

Welche Geste prägt Deine Lebenshaltung?

„Nur Noach fand Gnade in den Augen des HERRN.“
Gen 6,4

 

Der Boden ist kalt. Es ist der 31. Oktober. Ausgetreckt liegen zwei Männer auf dem kunstvollen Marmor. Im barocken Kirchenraum erklingen die Namen zahlreicher Heiliger, um deren Fürsprache gebetet wird. Sie haben in Gottes Augen Gnade gefunden und mit ihrem Leben diese Liebesbeziehung bezeugt. Es sind einzelne Menschen deren Biographien und Persönlichkeiten nicht unterschiedlicher sein könnten und sich die Frage aufdrängt, warum gerade sie von Gott erwählt wurden? Der Fischer Simon etwa wurde trotz seines Wankelmutes zum Felsen der Kirche oder aus dem gelehrten Christenverfolger wurde einer der eifrigsten Verkünder der Gnade Gottes für alle Menschen. Dem jungen Spanier Inigo ergriff diese frohe Botschaft mitten in einer lebensbedrohenden Krisenzeit, in der er mit eigener Leistungskraft die Heiligkeit des Franziskus und Dominikus übertreffen wollte. Wie ein geduldiger Pädagoge lehrte ihn Gott, wie er ihn in allen Dingen suchen und finden könne. Sein Weggefährte und Freund Peter Faber rang sein Leben lang mit Selbstzweifeln. Doch wurde er von Ignatius als der feinfühligste Begleiter in der Unterscheidung der Geister geschätzt und verstand es geschickt zwischen den erhärteten Fronten innerhalb des Christentums in Deutschland zu vermitteln. Mit eiserner Treue hielt Mutter Theresa an Gottes Zuwendung fest, obwohl sie nur innere Leere verspürte. Durch ihre dunkle Nacht hindurch war sie stets den Vergessenen dieser Welt nahe. Wegen seiner Angepasstheit wurde Oscar Romero von den Machthabern San Salvadors zum Erzbischof hochgelobt. Als er sich aber von der Not der Unterdrückten berühren ließ, überwand er seinen Kleinmut und seine kämpferische Stimme konnte nur noch von einer tödlichen Kugel gestoppt werden.
Die Heiligenlitanei ließe sich noch seitenweise fortführen, und ein Stern nach dem anderen würde am dämmrigen Himmel der Kirchengeschichte zu leuchten beginnen. Neben den bekannten lassen sich noch unzählige unbekannte Sterne finden, deren zu Allerheiligen gedacht wird. Denn wie Gott ohne Begründung Noach seine Gnade zuwandte, so blickt er ohne Bedingung einen jeden Menschen liebend an und ruft ihn zur Mitgestaltung seiner Umwelt auf. Von daher scheut sich Papst Franziskus nicht, wie in seinem apostolischen Schreiben „Gaudete et Exsultate“ uns daran zu erinnern, dass ein jeder zu einem Leben in Heiligkeit berufen ist. Dazu benötigt es keine Superkräfte, sondern einzig die Bereitschaft immer wieder neu sich für Gott zu öffnen anstatt auf eigene Kräfte zu setzen. Paulus bringt diese Grundhaltung im Zweiten Korintherbrief auf den Punkt: „Denn wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ (2 Kor 12,10). Darin lässt sich bei der großen Vielfalt der Heiligen ein kleiner, gemeinsamer Nenner finden.
In ähnlich paradoxer Weise stellte der Jesuit Michael J. Buckley seinen beiden Mitbrüdern Tage vor deren Weihe die Frage „Are you weak enough to be a priest“? Denn es sind nicht primär die rhetorischen, charismatischen oder organisatorischen Fähigkeiten eines Priesters, die ihn mit Gott und den Menschen verbindet, sondern vielmehr die eigenen Schwächen. Sie erlauben es in die menschliche Begrenztheit, Sinnkrisen und Ängste einzutauchen und nach Heilung zu bitten. Dabei erwächst die Bühne, auf der die Gnade Gottes dem klerikalen Stolz die Show stiehlt.
In diesem Sinne wurde für mich die ausgestreckte Geste am Boden während meiner Priesterweihe zum Sinnbild einer erfüllenden Lebenshaltung.

Welche Geste prägt Deine Lebenshaltung?