Beispielhaft

Josef Steiner

Dienen ist ein starkes Zeichen der Größe. Es ist das Fundament jeder Herrschaft. Wo lege ich Hand an?
Denkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr.
Joh 15,20a

Von Rabbi Mosche Löb hieß es, dass er trotz fortschreitender Krankheit und Entkräftung jede Nacht um Mitternacht aufstehe und wie kein anderer das Nachtgebet – die Klage um das verlorene Jerusalem – zu beten verstehe. Ein Schüler des Rabbi versteckte sich einmal vor seinem Haus. Um Mitternacht sah er, wie Rabbi Löb aufstand, Arbeitskleider anzog, ein Bündel Holz aus dem Keller holte und damit im klirrenden Frost der Winternacht an das Ende der Stadt zu einer armseligen Hütte ging. Der Schüler schlich sich an das einzige Fenster und sah eine leere Stube, einen erloschenen Ofen und auf einem Bett eine Frau liegend, die mit trostloser Gebärde ihr neugeborenes Kind an die Brust presste. Er hörte, wie der Rabbi zur Frau sprach: „Ich habe ein wenig Holz zu verkaufen und mag damit nicht weitergehen. Willst du es mir um einen geringen Preis abnehmen?“ Auf den Einwurf der Frau, dass kein Heller im Haus sei, erwiderte er: „Das Geld will ich mir ein anderes Mal holen, nimm nur das Holz.“ Die Frau widersprach ein zweites Mal: „Was soll ich mit dem Holz? Ich habe nichts, um es zu zerhacken und zu zerkleinern.“ Da ging der Rabbi vor die Tür, zog ein Beil heraus und begann das Holz zu zerhacken. Und während er Holz hackte, hörte der Schüler ihn beten: „Erwache, vom Staub erhebe dich, geplagtes und gepeinigtes Jerusalem!“ Dann trug der Rabbi das Holz in die Stube, heizte den Ofen an und betete dabei: „Du wirst dich Zions erbarmen, die Mauern Jerusalem wirst du wieder aufbauen.“ Dann verließ er die Stube und ging eilends nach Hause. Und der Schüler, der später berühmt gewordene Rabbi Hirsch von Zudoczow, wusste nun um das Geheimnis der Größe seines Lehrers und um das Fundament seines Betens.

Selbst Hand anlegen, das ist auch eine Stärke Jesu. Einmal auf eine ganz intensive und für die Seinen unvergessliche Weise: als er vor dem letzten gemeinsamen Mahl Wasser in ein Becken schüttet und seinen engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Füße reinigt und massiert. Mit dieser Geste macht Jesus ihre Füße stark; sie sollen „gut zu Fuß sein“ für den weiteren Weg, den sie jetzt ohne ihn gehen müssen. Und er legt den Seinen ans Herz, seinem Beispiel zu folgen. So wie er, ihr Herr und Meister, nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen, gelte das auch für sie. Daran erinnert er sie vor seinem endgültigen Abschied. „Denkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr.“ Kein Wort unterwürfiger oder entmündigender Sklavenmoral, sondern die Einladung, sich immer an „seinem Herrn“ ein Beispiel zu nehmen.

Jesus und der Rabbi Löb haben den Menschen das Leben erleichtert und sie für den nächsten Schritt gestärkt. Dienen ist ein starkes Zeichen der Größe. Es ist das Fundament jeder Herrschaft. Wo lege ich Hand an?