Beim Lesen des Weihnachtsevangeliums

Georg Sporschill SJ

Es gibt keine Lösung. Wo ist nicht sichtbar, was wird? Im Dunkeln, doch mit Hoffnung.

Maria bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen.
Lk 2,19

Dem dreizehnjährigen Mädchen ist kalt. In der Winterjacke sitzt Roxana im geheizten Sozialzentrum Habakuk in Ziegental unter den Kindern. Sie machen Hausaufgaben, nur Roxana schaut vor sich hin, obwohl sie eine gute Schülerin ist. Lucica, ihre Mutter setzte große Hoffnungen auf Roxana, weil sie die Einzige in der kinderreichen Familie ist, die schreiben kann. Vielleicht würde aus ihr etwas anderes als aus ihren älteren Schwestern, die viel zu jung von schwierigen Männern mitgenommen wurden. Der eine wurde bei einem Streit im Dorf ermordet, der andere trinkt und schlägt seine junge Frau.

Wenn Roxana lacht, leuchten ihre weißen Zähne. Eigentlich aber hat sie nichts zu lachen. Seit dem Sommer ist sie schwanger. Zwillinge! Sie wollte abtreiben, auch ihr fünfzehnjähriger Freund war überfordert.
Nun sitze ich bei Mama Lucica und höre ihre Sorgen. „Roxana darf auf keinen Fall abtreiben. Aber wie sollen wir noch zwei Kinder durchbringen?“ Sie müssen schon für zehn Kinder sorgen und haben in ihrem Häuschen keinen Platz. Das tägliche Brot beschafft mühselig der Vater. Er hat kein Feld, mit seinen zwei Pferden arbeitet er hart für einen Bauern. Roxanas Freund hat keine Ausbildung und keine Arbeit. Es wird für sie schwer werden, die Schule abzuschließen. Lucicas Worte ersticken in Tränen. Welche Zukunft haben die jungen Leute und ihre Zwillinge? Wird es in Ziegental so weitergehen, dass die jungen Mädchen Kinder bekommen und niemand für sie sorgen kann? Wird das Ghetto der Roma wachsen und im Schmutz versinken? Hilflos umarme ich die Mutter und mache ihr ein Kreuzchen auf die Stirn. Wir werden ihr die Treue halten, auch wenn ich jetzt nicht weiß, wohin das alles führen soll. Was wird aus diesen Kindern werden?

Die Sozialarbeit überfordert. Das Mädchen, das uns so nahe ist, hat plötzlich einen anderen Weg vor sich. Andere scheitern in der Schule und stellen unsere Pläne auf den Kopf. Wie oft zerstören Alkohol und Gewalt die Familien! Doch nicht unter den Mächtigen im Dorf, nicht unter den rumänischen Nachbarn, nein – in der Roma-Siedlung sind meine Freunde.

Es gibt nicht nur Katastrophen, aber meist geht alles anders, als ich es mir vorgestellt habe. Der Satz aus dem Weihnachtsevangelium hilft mir: „Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen.“ Maria, die Mutter in Betlehem, hatte es nicht leichter als Roxana. Welche Zukunft kann sie im Stall sehen, in dem sie Jesus geboren hat? Wer ist der Vater ihres Kindes? Josef will sie verlassen. Politik und Verwandte sind verständnislos oder feindlich. Nur die Hirten sagen anderes: Mit dem Kind ist uns Großes verheißen. Es wird die Erlösung bringen. Gilt das auch für Roxana und ihre überforderte Mutter und die enttäuschten Sozialarbeiter? Leicht ist es nicht, an eine Lösung zu glauben. Wir werden alle diese Worte im Herzen bewahren und erwägen. Bei Tag und bei Nacht an den Erlebnissen kauen. Mit Hoffnung. Wenn wir das Weihnachtsevangelium lesen.