Begabt und lernfähig

Josef Steiner

Ein großes Projekt lebt von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Habe ich eine Schülerin, einen Schüler?

Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist.
Joh 17,7

 
Rabbi Elimelech von Lyschansk, dem heutigen polnischen Lezajsk, dem Begründer des Chassidismus in Galizien, war das Glück einer großen Schülerschar beschieden. Vor seinem Sterben legte er, so erzählt Martin Buber in seinen Chassidischen Geschichten, seine Hände auf die Häupter seiner vier liebsten Schüler und teilte seine eigenen Begabungen und Geisteskräfte unter sie aus. Jaakob Jizchak gab er die schauende Kraft seiner Augen, Abraham Jehoschua die richtende Kraft seines Mundes, Israel von Kosnitz die betende Kraft seines Herzens, und Menachem Mendel – er wurde ein großer Rabbi in Rymanow – gab er die lenkende Kraft seines Geistes. So ließ Rabbi Elimelech seinen Geist auf vier begabte und lernfähige Schüler weiterfließen, sein Werk setzte sich fort, sie gründeten neue Schulen und Gemeinschaften.

Jesus hat sich sein Lebensprojekt nicht selber ausgesucht. Er nahm es als Geschenk entgegen. Schritt für Schritt erschloss es sich ihm im Hören auf die Bibel, sein Buch des Lebens. Wie darin vom Geheimnis und der Tiefe des Lebens, zu dem Gott ruft, erzählt wird. Wie darin voll Respekt und Staunen von Kindern, von Frau und Mann und deren gegenseitiger Verwiesenheit gesprochen wird. Wie darin Weisungen zu einem gerechten und friedlichen Miteinander aufgetan werden. All das – so ist Jesu Auftrag – ist nicht allein seinem Volk gesagt, sondern allen Menschen, die offen und suchend sind. Jesus möchte alle Menschen guten Willens zu Schülerinnen und Schülern der Bibel machen. Ein großes Projekt. Deswegen empfand es Jesus als besonderes Geschenk, dass sich tatsächlich Frauen und Männer mit ihm dafür begeistern konnten. Dass sie mit ihm über das eigene Volk hinaus die Anderen, die Fremden in den Blick bekamen. Dass sie mit ihm erste Begegnungen und Ausflüge in die Welten der Römer und Griechen wagten. Dass sie mit ihm suchten und lernten. Angefochten und bedrängt auch von Fragen wie: Ob das, was Jesus will, wirklich von Gott kommt, ob es dem Denken der Bibel entspricht? Ob Jesu Öffnung auf die Fremden hin, seine Nähe zu Menschen am Rande und mit ungewöhnlichen Lebensformen, tatsächlich Zeichen des erwarteten Geistträgers, des Messias, des Königs der Welt sind? Ob seine heilenden Kräfte nicht auch aus dämonischen Welten kommen könnten? Fragen über Fragen. Darum freut es Jesus besonders, dass seine Schülerinnen und Schüler in diesem Lernprozess immer klarer und tiefer in das Geheimnis seiner Sendung und seiner Person eintauchen. So sehr, dass er am Ende seines Lebens sagen konnte: „Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist.“ Jesu Werk entspricht der Bibel und ist keine Fehldeutung, keine Irreführung. Diesen Zusammenhang haben die Seinen jetzt verstanden. Derart gefestigt, werden sie nach Jesu Tod sein Werk fortsetzen.

Ein großes Projekt lebt von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Rabbi Elimelech und Jesus waren sie geschenkt. Habe ich eine Schülerin, einen Schüler?