Begabt. Erfolgreich. Freigebig

Josef Steiner

Ein gutes Erbe verpflichtet. Was möchte ich der nächsten Generation weitergeben?

Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Joh 20,21

Rabbi Elimelech von Lisensk, der Begründer der spirituellen Bewegung des Chassidismus in Galizien, war mit außergewöhnlichen Gaben gesegnet. Sein gutes Auge verlieh ihm eine ausgeprägte Menschenkenntnis, die auch in das Innere seines Gesprächspartners, in seine Gefühle und Verfasstheit zu schauen vermochte. Getrieben von der Suche nach der Wahrheit, redete er den Menschen nicht nach dem Mund, sondern sagte, was ihnen wirklich half und nützte, manchmal mit harten und kritischen Worten. Seine bis zur Ekstase reichende Mystik in Meditation und Gebet band er immer zurück an die realistischen Bedürfnisse der Menschen und der menschlichen Gesellschaft, um ihnen in ihren alltäglichen Handlungen eine Beziehung zu Gott zu ermöglichen und ihnen zu einer geistigen Erneuerung zu verhelfen. Und sein unbestechlicher Geist machte ihn zu einem spirituellen Führer, der sich in die Situation suchender und fragender Menschen hineinversetzte und von ihrem Standpunkt aus Perspektiven und Antworten eröffnete. Von diesem großen spirituellen Lenker des Chassidismus, zu dessen Grab in Lyschansk heute noch an seinem Todestag viele Menschen pilgern, hat Martin Buber in seinen chassidischen Erzählungen folgende Abschiedsszene festgehalten. „Vor seinem Sterben legte Rabbi Elimelech seine Hände auf die Häupter seiner vier liebsten Schüler und teilte sein Gut unter sie aus. Jaakob Jizchak gab er die schauende Kraft seiner Augen, Abraham Jehoschua die richtende Kraft seines Mundes, Israel von Kosnitz die betende Kraft seines Herzens, aber Mendel (gemeint ist Menachem Mendel von Rymanow) gab er die lenkende Kraft seines Geistes.“ All seine Begabungen flossen weiter, auf Schüler, die seine Sendung weiterführten.

Jesus war ein beschenkter Mensch. Alles, was er tun durfte, wozu er sich berufen fühlte, alles, was ihm im Laufe seines Lebenswerks anvertraut und aufgetragen wurde, bezog er aus der Tradition, aus dem Erbe der Bibel und aus dem darin verdichteten Willen Gottes. Als messianischer Geistträger durfte Jesus den Ehrentitel „Sohn Gottes“ tragen und Gott seinen „Vater“ nennen. Wie ein Refrain, über vierzig Mal, durchzieht es das Reden Jesu, dass er nicht in seinem eigenen Namen gekommen ist, sondern dass ihn der Vater gesandt hat. Gesandt, nicht um die Welt der Römer, Griechen und Fremden zu richten und zu beurteilen, sondern um sie zu retten und ihr Perspektiven zu einem biblischen Menschenbild zu öffnen. Und als besonderes Geschenk und Gnade seines Vaters im Himmel empfand es Jesus, dass er Frauen und Männer für diesen Weg zu den Völkern gewinnen konnte. Er war erfolgreich. Er fand Schülerinnen und Schüler, die, von seinem Geist durchdrungen, sein Werk fortsetzen sollten. Ihnen konnte er zum Abschied die Worte sagen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Sie sollten jetzt die Bibel zu den Völkern bringen. Eine solche Sendung, ein solches Erbe verpflichtet.

Was möchte ich der nächsten Generation weitergeben?