Befreiendes Geständnis

Ruth Zenkert

Wann hast du plötzlich den Mut bekommen, einen Fehler einzugestehen? Wer hatte die Kraft, dich aus der Selbstverteidigung zum Vertrauen zu bringen?

Gott, der HERR, sprach zu der Frau: Was hast du getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt. So habe ich gegessen.
Gen 3,13

Tudor begann den Tag am Morgen um sieben mit einem Bier. Dann zitterten die Hände nicht mehr. Wenn er „auf der Welle“ war, schwang er sich durch die Stunden, Schnaps und weitere Biere halfen ihm dabei. Seine Frau schaute hilflos zu, sie liebte ihn und deshalb glaubte sie, ihn so aushalten zu müssen. Ich hatte mich oft gefragt, warum er so viel trank. Als Lehrer hatte er einen Beruf, der ihm Erfüllung geben müsste. Die Menschen mochten ihn, er war gesellig.
Eines Abends saß Tudor mit uns im engsten Freundeskreis und erzählte, dass er beim Arzt war, weil er gesundheitliche Probleme habe. Die Leber. Er bekam einen strengen Diätplan, aber einstweilen hielt er sich an die „Morgendiät“: Morgen fange ich an. An jenem Abend trank er einige Bier und etwas Schnaps. Da fragte Hieron: „Tudor, was hast du früher gemacht? Bevor du an die Schule gekommen bist?“ Niemals hatte er erzählt, was vorher war. Jetzt brach es aus ihm heraus: „Ich war bei der Armee wie andere auch, aber ich war in einer Sondereinheit der Securitate. Wir hatten Waffen und wurden scharf trainiert, um immer einsatzbereit zu sein gegen die Feinde des Systems. Wenn harmlose Jugendliche auf der Straße herumstreunten, wurden wir gerufen. Wir haben sie aufs Revier mitgenommen, und was glaubst du, was mit denen passiert ist? Wie oft musste ich Menschen prügeln, verhaften, demütigen, die gar nichts gemacht hatten. Alles für Ceauşescu. Wir haben nicht darüber nachgedacht, wie wir Familien zerstören, es war unser Auftrag, die Feinde zu vernichten.” Tudor konnte nicht mehr weiterreden. Tränen und Abscheu über sich selbst erstickten seinen Atem, seine Worte.
Einige Wochen lang trank Tudor nichts. Er erzählte uns noch viel aus den alten Zeiten. Und ich verstand, dass er trinken musste, um seine Vergangenheit zu verkraften.

Auf die Frage des Jugendlichen hin konnte Tudor das Schweigen brechen, sich von einer Last befreien. Wie die Frau, als Gott sie fragte: „Was hast du getan?“ bekennen konnte: „Die Schlange hat mich verführt. So habe ich gegessen.“ Wo es Schuld gibt, sind meist mehrere beteiligt, auch die Umstände zählen. Ein Mensch, der schuldig geworden ist, tendiert dazu, die Schuld auf andere zu schieben. Es ist nicht leicht, zur eigenen Verantwortung zu stehen. Diese Komplexität zeichnet die Bibel nach. Der Mann schiebt die Frau vor, sie wiederum wälzt die Schuld auf die Schlange ab. Gott begleitet die Widerstände und das Ringen um die Verantwortung mit geduldigem Fragen. Dreimal. Zuerst richtet er sich mit zwei Fragen an den Mann, um ihn zur Einsicht zu bringen, dann an die Frau, die mitschuldig ist. Die Frau befreit sich von ihrer Belastung, indem sie schließlich zugibt: „Ich habe gegessen.“ Sie steht zu dem, was sie getan hat. Jetzt öffnet sich ihr Neues. Sie lernt und bekommt Verständnis für andere.

Der Ausbruch rettete Tudor. Wann hast du plötzlich den Mut bekommen, einen Fehler einzugestehen? Wer hatte die Kraft, dich aus der Selbstverteidigung zum Vertrauen zu bringen? Es ist befreiend, wenn ich meine Schuld erkenne und zu ihr stehen kann.