Barockklänge im bolivianischen Amazonas

Dominik Markl SJ

Die Erfahrung der Fremde hat unseren Blick auf die Welt verändert. 

Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.

Johannes 20,10

Vor unserer Heimkehr nach einem halben Jahr in Bolivien wartete ein letzter Höhepunkt: das Ignatiusfest in San Ignacio de Moxos. Beim Landeanflug auf Trinidad sehen wir die Mäander der amazonischen Flüsse. Dann noch einige Stunden Autofahrt auf Schotterpisten bis zum Städtchen San Ignacio. Internet gibt es hier nicht. Dafür jede Menge Leben. Monatelang laufen schon die Vorbereitungen auf das Fest. Am Abend lädt man uns zum Konzert in die Musikschule ein. An den Wänden zeigen Reliefs, wie Ureinwohner mit Pfeil und Bogen den europäischen Jesuitenpatres begegnen, die ihnen Violinen überreichen. Die Missionare kamen im siebzehnten Jahrhundert und entdeckten das musikalische Talent der indigenen Bevölkerung. Heute können wir uns davon überzeugen. Das Ensemble und der Chor sind professionell, die Musiker teils noch Schüler. Sie bieten Bachs Kantate „Christ lag in Todes Banden“ und Werke anonymer Komponisten, die hier, im Herzen des südamerikanischen Kontinents, vor drei Jahrhunderten geistliche Werke komponierten. Das musikalische Archiv ist erst kürzlich in der Missionskirche wiederentdeckt und restauriert worden. Jetzt ersteht die südamerikanische Barockmusik zu neuem Leben. Spezialisten für alte Musik sind aus der Schweiz angereist, um an Feinheiten der Interpretation zu arbeiten.

Das Ergebnis ist nicht nur beeindruckend, es ist ergreifend. Geradezu surreal erscheint es, amazonische Gesichter in Leinengewändern und barfuß Bach in makellosem Deutsch singen zu hören. Als das wiederentdeckte Stück „Aquél Monte“ erklingt, im Duett dargeboten vom Sopran Nelvy Vela aus San Ignacio und dem Schweizer Tenor Samuel Moreno, versinkt der zum Bersten gefüllte Saal in eine mystische Stille. Beim Schlussakkord kann sich das Publikum nicht mehr halten und bricht in tosenden Applaus aus. Selten habe ich so stark erlebt, wie Musik in eine andere Welt, oder eher in ein Stück Himmel erheben kann. Himmlisch fühlt es sich an, wenn Menschen so unterschiedlicher Kulturen einmütig und hingebungsvoll musikalischer Passion Ausdruck verleihen.

Das Ignatiusfest selbst wird in mehrstündigen Prozessionen begangen. Die Bevölkerung tanzt dabei in traditionellen Kostümen – darunter Kleinkinder ebenso wie betagte Menschen. Weit ausladender Federschmuck macht gleichsam die fröhliche Aura der Gesichter sichtbar, in den rot und blau schillernen Federn tropischer Vögel. Nach der Festmesse erzählen Pater Fabio aus Trient und Bernardo aus La Paz, wie die Jesuiten der alten Zeit die Selbstverwaltung der indigenen Bevölkerung stärkten, um sie vor der Versklavung durch die Kolonialherren zu schützen. Bis heute verehren die Einwohner von San Ignacio ihren Patron, indem sie seine Statue mit allem schmücken, was glänzt – etwa mit dem Silberpapier ihrer Zigarrettenschachteln. Meine Kollegen, Jesuiten aus Kolumbien und Mexiko, kehren in ihre Heimat zurück, ich nach Österreich. Die Erfahrung eines Stücks Himmels in der Fremde hat uns in Staunen versetzt und unseren Blick auf die Welt verändert.