Back to the roots – die Kraft des Anfangs

Josef Steiner

In schwierigen Situationen hilft der Blick auf den Beginn weiter.

Damals offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise.

Joh 21,1

Etwas müde, die Augen halb geschlossen, sitzt er nach dem Mittagessen am Tisch, in einem großen, hellen Raum, im Rollstuhl. Mein laut gerufenes „Hallo, Wolfgang“, schreckt ihn auf, er war kurz vor dem Einschlafen. Nun hebt er den Kopf, seine Miene hellt sich auf, er lächelt, sein Gesicht strahlt Güte und Milde aus. Das Anziehen wärmerer Kleidung für einen Spaziergang im Rollstuhl ist mühsam. Er erträgt es ohne Widerrede. Dann brechen wir zu einem kleinen Ausflug auf. Eineinhalb Stunden rollen wir durch einen schönen Park. Wir verweilen kurz an einem Sportplatz, wo sich Sportschützen lautstark gegenseitig Anweisungen zurufen. Eine ihm etwas fremde Sportart, Fußball kennt er, aber das, was soll das sein? Wir durchqueren Wohnviertel mit Hochhäusern, in deren Fenstern sich die untergehende Sonne spiegelt. Auf Zurufe wie „Wolfgang, siehst du! Schau, wie schön!“ schwingt bei seinem antwortenden „ja, ja“ der Unterton mit: „Ist schon in Ordnung, ich seh es selber, red nicht so viel!“ Und als es zu dunkeln beginnt, drängt er zur Rückkehr. Immer wieder zeigt er nach links. Es ist die Richtung zu seiner gegenwärtigen Wohnung.

Seit eineinhalb Jahren lebt Wolfgang nun schon in einer kleinen, gut ausgestatteten Wohngemeinschaft für Menschen, die an Demenz erkrankten. Wenn Situationen eintreten, die mich verunsichern, wenn Entscheidungen anstehen, die mich überfordern, wenn ich nicht mehr aus und ein weiß, dann besuche ich ihn, um aus der Begegnung mit ihm Kraft zu schöpfen. Die Kraft unserer Begegnungen vor fünfzig Jahren. Damals hat er in jugendliches, wirres Denken Ordnung gebracht. Damals hat er den Weg von verklemmtem sexuellem Verhalten zu offenen und freien Begegnungen geöffnet. Damals hat er in Spracharmut und Minderwertigkeitsgefühl Worte der Heilung und des Selbstbewusstseins gesät. Eben dieselbe verwandelnde Kraft erlebe ich jetzt in den Begegnungen mit ihm. Nach jedem Besuch kehre ich gestärkt zurück. Beschenkt von einem Lehrer, Meister und Freund, der genauso wirkt und ausstrahlt wie damals, als er noch gesund und in unserem normalen Verständnis bei Sinnen war. Beruhigend, klärend, aufbauend. Bei Sinnen ist er auch jetzt, aber in anderer Weise, als wir sie normalerweise begreifen und einstufen. Er wirkt und zeigt sich als Verwandelter, als Veränderter.

Jesus schickt seine Schülerinnen und Schüler nach seiner Entmachtung durch Kreuz und Tod nach Galiläa, an den See Tiberias. Dahin, wo alles begonnen hat, back to the roots. Am See Genezareth, im Alltag, während der Arbeit. Wo sie sich als junge, suchende Menschen von ihm zu einem Abenteuer rufen ließen. Zu einer Aufbruchsbewegung, die so viel Begeisterung, Heilung, Gesundheit und Sinn in das Leben der Menschen brachte. Die Kräfte dieses Anfangs sollen sie jetzt in veränderter Zeit von neuem stärken, begeistern. Dort will sich ihnen Jesus zeigen als Verwandelter, Veränderter, als Auferstandener. In schwierigen Situationen hilft der Blick auf den Beginn weiter.