Ausländerin, Mutter, Chefin

Dominik Markl SJ

Natasha – eine starke Frau.

Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.

Joh 20,17

Natasha stammt aus einer sri-lankischen Familie, ist aber in London aufgewachsen. Sie studierte Jus, ihre Schwester Karen Medizin. Natasha heiratete Justin, der aus dem Westen Englands kommt. Die beiden haben vier – natürlich bezaubernde – Kinder: die ältesten, Nathanael und Tristan, sind Schüler des berühmten Gymnasiums Stonyhurst, nördlich von Manchester. Die kleineren, Pasha und Dominic, wohnen noch zuhause in Londons pittoreskem Viertel Hampstead und gehen dort zur Volksschule. Natasha und ihre Familie haben mich warmherzig aufgenommen, als ich in ihrer Pfarrei Saint Mary’s regelmäßig zur Sonntagsmesse kam. Natasha und Justin musizierten, während ihr damals noch sehr kleiner Dominic lebhaft zwischen den Bänken herumkrabbelte und die alteingesessenen, etwas verklemmten Londoner Damen aus ihrem andächtigen Konzept brachte – seinen verschmitzten asiatischen Augen konnten sie aber doch jedes Mal nicht widerstehen. Natasha lud mich zum Picknick im Park ein, mit den Kids sollte ich Cricket spielen lernen. Eine Frau voller Lachen und Energie. Ihr größtes Anliegen ist, die Persönlichkeit ihrer Kinder zu bilden. Sie sollen verstehen, dass Geld und Prestige nichts zählen, einzig die menschlichen Werte, das Herz, der Glaube. Von ihrem Beruf erzählt sie selten. Erst spät verrät sie mir, dass sie zur Geschäftsführerin eines Unternehmens mit Tausenden Mitarbeitern aufgestiegen war. Als Ausländerin, als Frau, in England. In einem harten, von Männern dominierten Geschäftsumfeld beginnt sie jede wichtige Sitzung mit einem kurzen Gebet. Das Wichtigste ist Unbestechlichkeit, sagt sie. Wo Dinge krumm laufen, muss man hart eingreifen.

Natashas Familie hat mir, dem Ausländer, London zu einer Heimat gemacht. Vor drei Jahren wurde bei Natasha ein Tumor festgestellt. Sie wurde sofort operiert. Nach einem Jahr neue Metastasen. In diesem Sommer ist Natasha gestorben. Die Kinder hatten Ferien und konnten in den letzten Wochen bei ihr sein. Noch am vorletzten Tag sprach sie mit jedem Kind, einzeln, persönlich. Sie wollte nicht sterben. Nur langsam konnte sie ihr Schicksal annehmen. Karen, ihre Schwester, blieb wochenlang bei ihr im Krankenhaus, Tag und Nacht. Für das Requiem hatte Natasha die Lieder ausgesucht. „Shine, Jesus, shine… blaze, Spirit, blaze, set our hearts on fire…“ Wenn Justin, der Vater, sich nicht mehr halten konnte, umarmte ihn Dominic, der Kleinste, tätschelte seinem Papa den Rücken.

Die Tage rund um das Requiem waren in Natashas Haus von einer unbeschreiblichen Stimmung geprägt. Trotz aller drückenden Schwere wussten die Freunde, die aus den USA und Europa angereist waren und im Haus ihr Lager aufgeschlagen hatten, was Natasha sich gewünscht hatte: Party! Kurz vor Mitternacht rief man zum Tanz, die Kleinsten stahlen den Oldies mit akrobatischem Freedance die Show. Es hat mich beeindruckt, wie gefasst die Kinder waren, und doch frei. Sie hatten entschieden, ihre Mutter sollte die letzte, wenig versprechende und belastende Therapiemöglichkeit nicht in Anspruch nehmen. Sie hatten ihre Mutter nicht festgehalten.