Aus demselben Stoff und erste Gesprächspartner

Josef Steiner

Wie zeigt sich meine Beziehung zu und meine Ehrfurcht vor Tieren?

Gott, der HERR, formte aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte sein Name sein.
Gen 2,19

Wie der Mensch mit Tieren kommunizieren soll, hat die Tradition der Bibel in ein wunderschönes Märchen verdichtet. Es wird in unterschiedlichen Formen und Ausschmückungen tradiert. Der Kerngedanke des Märchens ist folgender: Es handelt vom sechsten Tag der Schöpfung. Mit der Erschaffung der Tiere kam Leben in das Paradies. Die Tiere spielten miteinander, tobten umher, erfreuten sich an der Schönheit der Natur, an den erfrischenden Bächen, den blühenden Wiesen, den Schatten spendenden Wäldern. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Nur das Lamm lag still und einsam vor dem Thron des Allmächtigen. Auf dessen Frage, warum es traurig sei und sich nicht mit den anderen Tieren freue, antwortete es: Alle Tiere haben etwas, womit sie sich bei Angriffen wehren können, nur ich nicht. Da fragte Gott, ob es sich Krallen wie der Geier wünsche, die zupacken und zerreißen? Oder Pranken wie der Löwe, die ängstigen und zuschlagen? Oder eine Zunge wie die Schlange, die Gift verspritzt? Das Lamm verneinte. Es wünsche sich nicht Waffen, die andere verletzen, schädigen, kränken und ihnen Leid zufügen. Darauf antwortete Gott: Weil du derart bittest, gebe ich dir drei Waffen, mit denen du jeden Gegner besiegst: Sanftmut, Hingabe und Geduld. Ein schönes Märchen, das beispielhaft zeigt, wie Mensch und Tier miteinander reden und voneinander lernen können.

Die Tiere sind nach dem Verständnis und Zeugnis der Bibel aus demselben Stoff wie der Mensch gebildet, aus „adama“, aus Erde. Um beide sorgt sich Gott, der „Mensch und Tier rettet“, wie es so schön in einem Psalm heißt. In beide haucht der Schöpfer seinen Atem ein. Beide haben dasselbe Schicksal, sowohl in Zeiten der fruchtbaren Entwicklung der Natur als friedlicher Lebensraum wie auch in der für beide tödlichen Katastrophe der Sintflut. Weil sie beide aus Staub entstanden sind, kehren sie auch beide zum Staub zurück. Mit diesen Bildern betont die Bibel das Verbindende, die Verwandtschaft und Nähe von Mensch und Tier. Sie sind Gefährten, bilden eine Lebens- und Solidargemeinschaft. Was dabei den Menschen auszeichnet, ist die Sprache. Das erste Wort, zu dem Gott in der Bibel den Menschen einlädt, dient der Aufnahme der Beziehung zu Tieren. Was er bei ihrem Anblick ausruft, so sollen sie heißen. Beziehung, nicht Herrschaft ist damit grundgelegt. Kurz: Tiere sind Mitgeschöpfe. Keinen Platz hat deswegen die Bibel für die göttliche Verehrung von Tieren. Ebenso wenig sind sie als Objekte für unterschiedliche Vorstellungen von Reinkarnation geeignet. Und gänzlich unvorstellbar ist für sie das, was heute in den Tierfabriken zur Befriedigung menschlichen Konsumverhaltens mit Tieren geschieht.
Wie zeigt sich meine Beziehung zu und meine Ehrfurcht vor Tieren?