Aufbruch am Jahresbeginn – wie Klitschko

Ruth Zenkert

Welchen mutigen Schritt kann ich im neuen Jahr machen, herau aus alten Gewohnheiten, damit etwas Neues entstehen kann?
Steht auf, wir wollen weitergehen von hier.
Joh. 14, 31 b

Auf der Fahrt zum Kinderhaus schliefen meine zwei Begleiter übermüdet ein, seit Wochen waren sie unterwegs gewesen: Deutschland, Amerika, Ukraine, und jetzt Rumänien, kein Tag Ruhe. Auf der Eingangstreppe vor dem Haus wartete eine TV-Kamera: Wir sollten unseren Kindern entgegengehen, rechts und links die Stars, beide über zwei Meter groß, ich in der Mitte. Ich kam mir klein, aber beschützt vor: zwischen Vitali und Wladimir Klitschko. Sie waren damals zu uns gekommen, um sich für unsere Straßenkinder einzusetzen. Über das deutsche Fernsehen wurde durch sie so viel Geld gesammelt, dass wir ein Haus kaufen und renovieren konnten. 36 Straßenkinder haben seither Heimat und eine Familie gefunden.

Unsere Jugendlichen waren begeistert von dem hohen Besuch. Am Abend durften die Fans mit in eine Pizzeria. Die Klitschkos bestellten für sich je drei Portionen von Spagetti, Fisch und Fleisch, danach ein üppiges Dessert. Sie erklärten uns, dass sie gerade in der Muskelaufbauphase seien und viel Kalorien zu sich nehmen müssten. Wir konnten gar nicht fassen, wie viel ein Mensch essen kann. Seither verfolgten wir jeden Boxkampf, zitterten mit ihnen und waren immer in Kontakt mit unseren großen Freunden. Einmal waren wir sehr enttäuscht, als wir bis um drei Uhr aufgeblieben waren, um den Kampf mitzuverfolgen, und das Spiel schon nach drei Minuten mit einem K.o.-Schlag Vitalis zu Ende war. Wir schrieben ihnen vor jedem Kampf, und sie machten sich jedes Mal die Mühe, uns zu antworten.

Wir fragten die Boxweltmeister: Warum tut ihr euch das an, dass ihr euch auch noch für Straßenkinder einsetzt? Sie erklärten: „Mit Stärke erreichen wir unser Ziel: den Sieg. Der tiefere Sinn der Stärke zeigt sich, wenn sie die Schwachen schützt. Deshalb setzen wir uns für Kinder ein. Weltmeister im Schwergewicht zu werden, ist nicht leicht. Vor jedem Kampf absolvieren wir ein intensives Trainingsprogramm. Aber eure Kinder haben täglich viel schwerere Kämpfe zu bestehen. Ihr begleitet sie und bereitet sie auf die Herausforderungen des Lebens vor. Dafür bewundern wir euch und deshalb unterstützen wir euch.“

Jetzt sehe ich Vitali Klitschko in den Nachrichten auf dem Maidan in Kiew, mit schwarzem Anorak und Pelzkragen bei Minusgraden. Er kämpft heute für Demokratie und Freiheit in seiner Heimat, friedlich, ohne Blutvergießen. Sein Einsatz ist nicht ungefährlich. Präsident Janukowitsch stößt Drohungen gegen „Umstürzler“ aus. Jeder, der bisher aufbegehrte, zahlte einen hohen Preis: Ein mysteriöser Autounfall, Vergiftung, Gefängnis, auch Angriffe auf Kinder und Verwandte sind Strategien gegen Unruhestifter. Was bewegt Vitali Klitschko, aus der Sicherheit des Stars aufzubrechen und sein Leben in der Politik aufs Spiel zu setzen?

“Steht auf, wir wollen weitergehen von hier”, sagt Jesus beim Abendmahl zu seinen Schülern. Nie ist ein Israeli mehr mit seinem Volk und seiner Religion verbunden als beim Sedermahl. Es ist der Höhepunkt der Zusammengehörigkeit. Es ist ein mutiger Schritt, der ihn und später Judas in den Tod führen wird. Doch dieser Mut führte zu einer neuen Gemeinschaft, zu einem neuen Werkzeug für den Frieden.

Wie die Klitschko-Brüder kann ich mich fragen: Welchen mutigen Schritt muss ich im neuen Jahr machen, heraus aus alten Gewohnheiten, damit erwas Neues entstehen kann?