Auf dem Richterstuhl

Josef Steiner

Richten und Urteilen bergen Gefahren des Irrtums und der Überheblichkeit.

Auf diese Worte hin ließ Pilatus Jesus herausführen und er setzte sich auf den Richterstuhl an dem Platz, der Lithosthrotos, auf Hebräisch Gabbata heißt.
Joh 19,13

„Unerlöste Schatten“: So heißt das neue Buch des Kommunikationswissenschaftlers Maximilian Gottschlich, in dem er der Frage nachgeht, warum Christen in besonderer Weise achtsam sein müssen in ihrem Urteil über jüdisches Leben und jüdische Politik. In den ersten Jahrhunderten, als sich die junge christliche Gemeinschaft erst selbst finden musste, war das Fundament für die Beurteilung der Juden eindeutig und klar. Je größer und göttlicher der eigene Religionsstifter, Jesus aus Nazareth, wurde, desto verwerflicher wurde dessen Ablehnung durch die Juden. So wurden sie schließlich zu „Gottesmördern“, die sich dadurch in der Geschichte Gottes mit den Menschen selbstverschuldet ins Abseits manövrierten. Eng einher ging mit diesem Urteil eine daraus abgeleitete Überheblichkeit der Christen. Erleuchtete, Sehende, Aufgeklärte standen Verblendeten, Blinden, im Dunkel Tappenden gegenüber. Eine Einschätzung, die viel mit Verachtung und Erniedrigung zu tun hatte und Verfolgung und Hass nach sich zog. Und das über Jahrhunderte. Zwar habe, so Gottschlich, die Versammlung des zweiten Vatikanischen Konzils in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts in Rom einen Paradigmenwechsel in der Beurteilung der jüdischen Religion und des jüdischen Volkes vorgenommen, einen Prozess des Umdenkens eingeleitet, einen „Leuchtturm“ entzündet, dessen Lichtsignale seien aber nicht in die Herzen der Christen gedrungen. Dies sei an einer auch von Christen vertretenen Beurteilung des neuen Lebensraums der Juden, des Staates Israel, ablesbar, bei dem mangelnde Solidarität, Unwissen, moralische Entrüstung statt Anerkennung den Blick bestimmen. Zumindest hüten sollten die Christen im abendländischen Kulturraum sich vor solcher Rede und Einstellung, um nicht – auf einem Richterstuhl thronend – irrtümlich und überheblich zu einem neuen Feindbild vom Juden beizutragen. Ein Buch, das aufweckt, nachdenklich macht und therapeutische Schritte aufzeigt, dieser Gefahr schöpferisch und mutig entgegenzutreten.

Nüchtern und kurz merkt die Bibel an, wie Pilatus im Prozess Jesu auf dem Richterstuhl Platz nimmt. Auffallend ist allein die herausgehobene zweisprachige Betonung des Ortes. Griechisch Lithostrothos, Steinpflaster, felsenfest; hebräisch Gabbata, erhöht, hoch. Also auf sicherem, verlässlichem Boden und herausgehoben, öffentlich einsehbar ist dieser Richterstuhl. Pilatus, ausgestattet mit statthalterlicher Kompetenz, alleiniger Richter mit selbständiger Strafgewalt bis hin zur Todesstrafe, besteigt den Richterstuhl, um das Urteil über Jesus zu verkünden, einen mit minderem Rechtsstatus ausgestatteten jüdischen Menschen. Pilatus als hilfloses Werkzeug des Lynchwillens einer jüdischen Menge darzustellen verkennt also seine politische und rechtliche Stellung und Verantwortung.
Richten und Urteilen bergen Gefahren des Irrtums und der Überheblichkeit. Das gilt auch für Pilatus.