Auch das Scheitern hat einen Lichtblick

Georg Sporschill SJ

Im Erfolg die Treue zu halten ist leicht. Auch das Scheitern hat eine Botschaft.
Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.
Joh 18,9
Bis nach Wien hatte Romeo, das Straßenkind aus Bukarest, es geschafft. Er war zur Freundin gezogen und wollte ein neues Leben beginnen. Zuhause war er immer tiefer in die Drogenszene geraten, oft in Schlägereien verwickelt gewesen und im Jugendgefängnis gelandet. Danach fand er in unser Sozialzentrum. Ein liebenswürdiger und hilfsbereiter junger Mann, doch wenn er unter Drogen stand und seine Muskeln zeigte, fürchteten sich alle vor ihm. In Wien war er weit weg von seiner schweren Vergangenheit, die Liebe motivierte ihn zu einem bürgerlichen Leben. Doch bald ging er nicht mehr in den Sprachunterricht, fand falsche Freunde und sank wieder hinab in die Drogenwelt. Nachdem er die Wohnung der Freundin kurz und klein geschlagen hatte, konnte sie sich nur mithilfe der Polizei vor ihm retten.

Unlängst fuhr ich mit meinen Freunden aus dem Roma-Dorf über die Karpaten in meine „alte Pfarrei“. So nannte ich vor 25 Jahren die Gegend um den Bukarester Nordbahnhof. Tausenden Straßenkindern bin ich dort begegnet, viele wurden gerettet. Drei von ihnen sind meine wichtigsten Mitarbeiter geworden und begleiteten mich in die alte Welt. Das Bahnhofsgelände war nicht mehr wiederzuerkennen. Wo früher nur ein Kebab-Stand war, reihen sich heute Fastfood-Lokale aneinander. Die Kanaldeckel sind zugeschweißt. Wo sich die Straßenkinder tummelten, ist jetzt eine OMV-Tankstelle. Eine dunkle Ecke gibt es noch, gegenüber dem Blumenstand, an dem heute noch eine dicke Roma-Frau Rosen und Nelken verkauft. Die Ecke ist mit Brettern zugenagelt, damit niemand hineinsieht. Durch eine Lücke schlüpften wir hinein. Hier hausen die letzten Kinder der Straße. Heute sind sie über dreißig Jahre alt, doppelt so alt sehen sie aus. Viele Male sind sie aus Sozialzentren, Kinderhäusern, Wohngruppen hinausgeflogen, weil sie es nicht geschafft haben. Ana setzte gerade am Knöchel eine Spritze an, weil an den dünnen Armen keine Ader mehr zu finden war. Dann kam Romeo auf mich zu, unter spastischen Zuckungen, gekrümmt, keine muskulösen Arme mehr. Er wollte mich umarmen, fuchtelte aber nur ziellos in der Luft, bis ich ihn halten konnte. Mehr als sein Name kam mir nicht über die Lippen. Eine Schar lag und stolperte herum, verlorene Kinder. Nur einer wollte heraus, die anderen hatten keine Wünsche mehr. Ich löste mich von Romeo, der noch an mir hing, und kroch aus dem Verschlag. Wieder in der sauberen Stadt, spürte ich das Brennen in meinem Herzen.

An dieser Verlorenheit ist nichts zu erklären und nichts zu verschönern. Und doch ist darin ein Lichtblick. Es gibt Menschen, die unheimliche Liebeskräfte wecken. Sie zerbrechen daran, aber sie sind nicht verloren. Ihre Sehnsucht hat sich in dieser Welt nicht erfüllt. Aber es bleibt das Band der Liebe.

Jesus hielt fest an seinen zwölf Schülern und ganz besonders am „Sohn der Verlorenheit“. Er ist ihm am nächsten, und mit ihm all jene, die vom Schicksal überfordert wurden. An uns liegt es nicht, die Schuldfrage zu stellen, sondern die Liebe zu spüren.