An sich arbeiten lassen

Josef Steiner

Wer oder was macht mich besser, stärker, brauchbarer, erfolgreicher? Befreit mich von Unfruchtbarem, Hinderlichem, Unnützem und setzt neue Kräfte frei?
Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.
Joh. 15,2

Rabbi Ahron von Karlin, ein Vorort der Stadt Pinsk in Weißrussland, zog im ganzen Land Reußen – so eine alte deutschsprachige Bezeichnung für Russen und Russland – von Stadt zu Stadt, um junge Männer für die jüdische spirituelle Bewegung des Chassidismus zu gewinnen. Heute würde man ihn „Scout“, Talentsucher, Talentaufspürer nennen. So kam er in die Stadt Amdur, das heutige Indura in Weißrussland. Von ihr hatte er gehört, dass an ihrem Rand, in einem einsamen Wald, ein junger, frommer und gelehrter Mann lebte. Ein Asket, abgeschieden von der Welt der Menschen, freiwillig fastend und Entbehrungen und Bußübungen auf sich nehmend, den Körper kasteiend, um so ganz leer und Gefäß zu werden für die Lehre. Um ihn herbeizuziehen, predigte Rabbi Ahron mehrmals im Bethaus, und die Wirkung seines Wortes war stark. Trotzdem währte es lange, bis die Kunde davon den Einsiedler erreichte. Etwas trieb diesen dann zur nächsten Predigt in das Bethaus. Als Rabbi Ahron von seiner Gegenwart erfuhr, sprach er statt einer Predigt nichts weiter als diese Worte: „Wenn einer nicht besser wird, wird er böser!“ Wie ein Schwert drangen diese Worte in das Herz des Asketen. Er lief zu Rabbi Ahron und bat ihn, dass er ihm aus dem Irrbau, in den er geraten war, heraushelfe. Der Rabbi schickte ihn zu seinem Lehrer, zu Rabbi Bär von Mesritsch, den zweiten großen Führer der chassidischen Bewegung. Nach einem Jahr war der junge Mann geheilt und wurde einer von den Großen der Bewegung.

Jesus ließ an sich arbeiten. Die Bibel formuliert es mit den etwas frommen Worten, dass er nicht gekommen sei, seinen Willen durch- und in die Tat umzusetzen, sondern den Willen dessen, der ihn gesandt habe. Gemeint ist damit: Jesu gesamtes Leben ist ein bleibender Dialog mit den vierhundert und siebzig Stellen und Vorschlägen seiner Bibel, wie ein guter Hirte, ein guter Politiker, wie ein Messias für sein Volk und für alle Völker ausschauen soll. Dafür diskutiert er mit dem Teufel in der Wüste, der ihm tolle Angebote populistischer, machtbesessener und narzisstischer Art macht. Dafür ringt er nächtelang, wozu ihm seine Ausstrahlung, seine Heilkraft, die Faszination, die er auf andere ausübt, geschenkt seien. Jesus lässt an sich arbeiten. Und ist sich sicher, dass das auch die Chance seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein wird: Das Fruchtlose wird entfernt, das Brauchbare gestärkt.

„Arbeite an dir!“ ist ein sinnvoller pädagogischer Rat. Ebenso wichtig ist es, an sich arbeiten zu lassen. Kritik und Rat von anderen, mögen sie noch so hart und schmerzhaft sein, an sich heranzulassen. Versuchen, von Tag zu Tag besser zu werden. Wer oder was macht mich stärker, brauchbarer, erfolgreicher? Befreit mich von Unfruchtbarem, Hinderlichem, Unnützem und setzt neue Kräfte frei?