An einem Verbot – wachsen oder scheitern?

Ruth Zenkert

Wo wurde mir eine Grenze gesetzt? Wie gehe ich mit einem Verbot um?

Nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.
Gen 3,3

Wenn Petre sein Akkordeon in die Hand nahm, musste er sofort spielen, es ging einfach nicht anders. Dann strahlte sein dunkles Gesicht, und der ganze Körper bewegte sich im Takt der Musik. Petre war gehörte zu denjenigen in unserer Musikgruppe, die am schnellsten gelernt hatten und das immer größer werdende Repertoire beherrschten. Doch einmal während der Probe war er müde und konnte sich nicht mehr konzentrieren. Er störte, er meckerte. „Müssen wir immer diese blöden Zigeunermelodien spielen? Ich will lieber unsere Volksmusik lernen.“ Der Lehrer kam seinem Wunsch nach und alle studierten zwischendurch ein rumänisches Lied ein. Beim nächsten Mal begann Petre schon am Beginn der Probe zu stören. Wieder gab der Lehrer nach. Doch für die anstehenden Aufführungen mussten die jungen Musikerinnen und Musiker die Roma-Stücke üben. „Dieses Schuljahr haben wir unser Roma-Programm. Nächstes Jahr spielen wir wieder mehr Volksmusik“, tröstete der Lehrer. Petre versuchte die ganze Gruppe umzustimmen: „Wir wollten doch Klassik, Filmmusik und Jazz lernen. Nichts können wir. Ich werde doch nicht mein Leben lang nur diese primitive Zigeunermusik spielen, das erlaubt mein Vater nicht“, schimpfte Petre. Dabei war er selber ein Rom! Die anderen beruhigten ihn. „Wir haben doch schon viel verschiedene Musik gemacht. Warum willst du gerade jetzt etwas anderes?“ „Du bist so begabt, du wirst die anderen Stilrichtungen locker lernen“, warb der Lehrer. Missmutig machte Petre weiter. Beim nächsten Auftritt kam er zu spät, der Lehrer verwarnte ihn. „Wenn wir uns nicht auf dich verlassen können, muss ich einen anderen Schüler einsetzen.“ Am nächsten Tag kam Petre in die Musikschule und gab das Akkordeon zurück. „Wenn ich hier nur Zigeunermusik lernen kann, will ich nicht mehr mitmachen.“ Alles Ringen um den begabten Schüler war vergeblich. Er blieb weg. Wochen später sah ich ihn am Dorfbrunnen sitzen. Er war dick geworden. Die Kinder sagten, er komme auch nicht mehr oft in die Schule.

Dem jungen Mann war die Welt offen gestanden. Er war begabt, er hatte einen wunderbaren Lehrer, gute Freunde und schon viel gelernt. Doch weil der Lehrer einmal Nein gesagt hatte, blendete Petre alles Positive aus und machte dieses Nein viel größer, als es war. Er verlor das Vertrauen und die Beziehung zum Lehrer und verließ seine Freunde. Ähnlich den ersten Menschen, denen Gott das Paradies mit allen Früchten gegeben hat. Nur von einem einzigen Baum dürfen sie nicht essen. Die Frau stellt das falsch dar: Den Baum nur zu berühren habe den Tod zur Folge, behauptet sie und rückt so den Schöpfer, der sie mit vielen Bäumen und Früchten so reich beschenkt hat, in ein bedrohliches Licht. Wegen einer einzigen Grenze hat sie die ganze Liebe nicht mehr gesehen und das Vertrauen verloren. So exkommuniziert sie sich selbst aus dem Paradies.

An einem Verbot kann das Vertrauen wachsen oder scheitern. Wo wurde mir eine Grenze gesetzt? Wie gehe ich mit einem Verbot um?