Am Neid erkenne ich die Erwählung

Ruth Zenkert

Wer vertraut mir? Welche Aufgabe erfüllt mich?
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt.
Joh 15,16a

Zehn Roma-Frauen strömen jeden Morgen von unserem Sozialzentrum in Nou/Siebenbürgen aus in alle Richtungen. Ausgerüstet mit Gummihandschuhen und großen schwarzen Säcken sammeln sie den Müll auf den Straßen. Die Aktion heißt „Sat curat – das saubere Dorf“. Sauber sind die Wege, wenn die Arbeiterinnen nach zwei Stunden zurückkommen – wenn auch nicht lange, denn die Bewohner lassen den Müll einfach fallen, und Abfallkörbe gibt es nicht. Die Frauen trinken noch einen Kaffee, dann gehen sie heim in ihre Hütten.

Für die Schüler-Kantine im Sozialzentrum suchten wir eine zuverlässige Köchin. Es gab ein heißes Ringen um den Job. Die Hausleiterin wählte Mihaela, weil sie bei der Dorfaktion pünktlich und die schnellste ist. Bei ihr findet man keine Plastikbecher mehr im Graben, und sie kommt immer mit einem vollen Müllsack zurück. Am folgenden Tag streikten die anderen neun beleidigt, weil man sie nicht genommen hatte. Das legte sich schnell, als sie sahen, dass Mihaela schon um neun Uhr beginnen muss und nicht vor vier Uhr Nachmittag fertig ist. Mihaela hat eine große Verantwortung bekommen. Sie schlägt das Menü vor, und wir besprechen den Einkauf. Jeden Tag muss sie das Holz für den Ofen heranschleppen, Feuer machen, Kartoffeln und Gemüse schneiden. Immer fröhlich aufgelegt, kocht sie für die große Kinderschar. Sie bringt aus ihrem Gärtchen Zwiebeln und Knoblauch mit, damit es den Schützlingen, die zuhause oft gar nichts bekommen, schmeckt. Keine Frage, dass sie von den Kindern heiß geliebt wird. Weil wir ihr vertrauen konnten, bekam sie bald den Schlüssel für die Speisekammer. Da lief ihr Gesicht dunkelrot an vor Glück.

Wer zu einer Aufgabe gerufen wird, genießt eine besondere Nähe der Vorgesetzten. Das weckt Neid. Doch das Vertrauen gibt Kraft, selbst in Zeiten der Überforderung. Erwählung schenkt Selbstbewusstsein. Das ist gemeint, wenn Israel betet: „Lass mich das Glück deiner Erwählten schauen!“ (Psalm 106,5). Erwählung bedeutet nicht, etwas Besseres zu sein, sondern eine größere Verantwortung als andere zu haben. Das ist ein hoher Anspruch. Israel versteht sich als das Volk, das von Gott erwählt ist zu einem Dienst an der Welt: Es soll als Licht leuchten und den Menschen Orientierung geben. Dieser Dienst, den Gott seinem „Knecht“ aufträgt, ist schwer. Aber wer die Erwählung annimmt, kann sich entfalten und findet darin sein Glück. Eine solche Erwählung erfährt der Christ durch Jesus. In der Taufe empfangen wir den Auftrag: „Ihr seid Mitarbeiter Gottes.“ Durch Jesus sind wir erwählt, wie zuerst Israel von Gott durch Mose die Erwählung bekommen hat, „Licht für die Welt zu sein, blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien“ (vgl. Jes 42,5f). Mihaela ist durch die Erwählung stark geworden, obwohl oder weil sie an der Last der Sozialarbeit mitträgt.

Wer vertraut mir? Welche Aufgabe erfüllt mich?