Als Ali begann zu lernen

Ruth Zenkert

Was wiegt schwer in meinem Leben? Wo habe ich Großes erreicht und viel gelernt? Und – wer ist für mich ein Meister?
Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Schüler werdet.
Joh 15,8 

Im Speisesaal des Sozialzentrums stand ein Klavier. Viele klimperten darauf herum. Auch Ali. Immer öfter saß er dort und entwickelte eine eigene Fingertechnik, mit der er schöne Melodien spielte. Letzten Sommer kam er als Volontär zu uns nach Siebenbürgen. Auch hier steht ein Klavier. Unsere Musiklehrer baten Ali, der inzwischen recht gut spielte, die Übungsstunden der Kinder zu beaufsichtigen. Ali kam zwar an den Nachmittagen in die Schule, aber er war froh, wenn Schüler schwänzten und er nichts zu tun hatte. Dann spielte er am Klavier herum, alles aber etwas lustlos. Robert, unser Klavierlehrer, erkannte Alis Begabung und schlug ihm vor, die Noten zu lernen und Fingerübungen zu machen, um besser zu werden. Dann könne er auch ernsthaft Kinder unterrichten.

Das wurde sehr mühsam für Ali. Er hatte keine Lust, nach Noten zu spielen, da er ohnehin alles auswendig konnte, und noch weniger, die lästigen Übungen zu machen. Es brauchte einige Anläufe, bis er in Robert den Meister erkannte. Dann blühte Ali auf. Er stellte Fragen, entdeckte die Regeln der Harmonien und lernte neue Musikstücke. Bald durfte er einen Schüler unterrichten. Inzwischen hat Ali eine Musikgruppe mit den Kindern gegründet, sie üben abends miteinander und träumen von großen Konzerten. Die Kinder laufen ihm nach, sie nennen ihn Clapatarul – den Tastenmann. Die ersten Hauskonzerte durfte ich schon hören. Jetzt ist Ali nicht nur ein unscheinbarer Volontär, der eines Tages wieder spurlos verschwindet, sondern er ist ein Mitarbeiter geworden, der unsere Musikschule mitträgt.

„Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Schüler werdet“: Dieses Wort Jesu erfüllt Ali. Der Wendepunkt war, als er Schüler wurde und zu lernen begann. Durch seinen Unterricht und seine eigenen Fortschritte gewinnt er an Gewicht in unserer Gemeinschaft. Sein Gesicht strahlt. Biblisch gesprochen: Er gewinnt Anteil an der Herrlichkeit Gottes. Das hebräische Wort für Herrlichkeit (kabod) bedeutet ursprünglich Gewicht. Schwer wurden dem Mose die Hände, weil er sie in die Höhe halten musste, um seinem Volk im Kampf gegen die Feinde Mut zu geben (Ex 17,12). Der Begriff kabod – schwer – wird auch im übertragenen Sinn verwendet: Salomo gab den Israeliten eine schwere Aufgabe (1 Kön 12,4). Sie sollten für Gerechtigkeit in der Gesellschaft sorgen. Im Psalm 8 heißt es, dass Gott den Menschen als Herrscher über seine Schöpfung einsetzt und ihn mit Herrlichkeit krönt. Er lastet ihm Verantwortung auf.

Jesus will, dass wir an Gottes Gewicht mittragen. Wie geschieht das? Gewicht bekommt, wer etwas bewegt, um jemanden kämpft, sich abmüht. Wie Ali, wenn er lehrt und lernt. Was leicht erreichbar ist, hat kein Gewicht, es verweht wie die Spreu im Wind.

Was wiegt schwer in meinem Leben? Wo habe ich Großes erreicht und viel gelernt? Und – wer ist für mich ein Meister?