Alles hat seine Zeit

Ruth Zenkert

Wie beschreibst du deine momentane Situation? Tag oder Nacht, Aussaat oder Ernte?

Niemals, so lange die Erde besteht, werden Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht aufhören.
Gen 8,22

„Warum nicht schon heute?“, fragte Bela, als wir vereinbarten, dass sie am Wochenende in unsere Gemeinschaft einziehen könne. Gut, dann eben heute! Ich konnte es kaum glauben, dass sie zu uns wollte, hatten wir doch mit ihrer älteren Schwester Cristina geplant, dass wir die „Rettungsaktion“ für die sechzehnjährige Bela vorsichtig anbahnen würden. Bela ist das jüngste von neun Geschwistern, alle Schwestern hatten in ihrem Alter schon ihr erstes Kind. Die Mutter ist im Winter an Covid gestorben. Auf Bela hatte sie ihre ganze Hoffnung gesetzt. Wenigstens sie sollte die Grundschule abschließen und nicht ganz so jung schwanger werden. Bela aber ging ihren eigenen Weg. Jeden Abend kamen Burschen aus der Umgebung und holten die Mädchen mit Angeber-Autos zu zwielichtigen Partys. Nächtelang kam Bela nicht nach Hause. Die Mutter war verzweifelt: Bela wird ja noch viel schlimmer als die anderen Kinder! Tatsächlich war es sehr schwer mit ihr. Sie hörte auf niemanden, ging nicht mehr in die Schule, interessierte sich für nichts – außer für die verruchte Clique, die das junge Mädchen missbrauchte. Am Krankenbett versprach sie schließlich der Mama, dass sie ihr keine Schande machen werde.
Seither war Bela wie gelähmt. Bei der Beerdigung der Mutter flehte mich Cristina an, wir sollten ihre Schwester aus ihrem Loch herausholen. Ob wir sie nicht gleich mitnehmen könnten? Bela aber wandte sich ab und verweigerte den Schritt in ein geordnetes Leben. Es war wie eine Nacht um sie. Und jetzt dieser lange erhoffte Aufbruch! Wir bereiten das Bett vor. Sie zieht zu unseren Mädchen ins Zimmer. Die Kinder überlegen schon, was sie miteinander unternehmen werden, wer sie in die Aufgaben einschulen wird. Ovidiu will ihr imponieren mit seiner neuen Frisur – einrasierte Blitze. Es wird sicher auch bald Streit geben. Sie wird sich in die alte Welt der Freiheit und Grenzenlosigkeit zurücksehnen, wenn vor dem Fenster die coolen Autos hupen. Wie lange wird sie das Leben bei uns aushalten?

An das Auf und Ab in der Sozialarbeit ließ mich der Vers denken: „Niemals, so lange die Erde besteht, werden Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht aufhören.“ Was hier von der Natur gesagt wird, gilt wohl auch für die Welt der Beziehungen. Der weise Kohelet beschreibt es so: „Alles hat seine Stunde … eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen …“ (Koh 3) Für die verschiedenen Zeiten helfen die Regeln des heiligen Ignatius zur Unterscheidung der Geister: „Wer in der Trostlosigkeit ist … möge bedenken, dass er bald wieder getröstet sein wird. Wer sich im Trost befindet, bedenke, wie er sich in der Trostlosigkeit benehmen werde, die später kommen wird, indem er für jene Zeit neue Kräfte sammelt.“ (Ex 321 und 323) Dieser Ratschlag hat mir damals bei Ovidiu einen so langen Atem verschafft, dass er sich stabilisieren konnte und heute hilft, Bela zu tragen – bis bessere Tage kommen. Was wir bei Ovidiu ernten, könnte zur Saat in Belas Verzweiflung werden.